Das Kardinalsystem anders betrachtet

Von in geografie, nautik

Kardinalsystem mit eingezeichneter Kompassrose

Kardinalsystem
Abbildung auf
wikipedia.org

Neulich bin ich im Zuge einer Segeltörn-Vorbereitung über eine Grafik des Kardinalsystems gestolpert und bei der Betrachtung derselben ins Sinnieren gekommen. Ich konnte mir nicht erklären, warum sich auf der durch Kardinaltonnen gekennzeichneten Untiefe eine Kompassrose befindet. Weder dient dies sonderlich der Anschauung, noch ist die um die Mitte platzierte Kompassrose navigatorisch von Bedeutung, zumindest nicht im Sinne des Kardinalsystems: Dass zwischen Norden und Westen Nordwesten liegt, wird einem Navigator bekannt sein, und abgesehen davon, dass man von der Wasseroberfläche aus selten Ausmaß und Lokalisation einer Untiefe ausmachen kann und sich so das "Zentrum" der Kompassrose in der Realität nicht positionieren ließe, würde dieses Wissen keine zusätzliche navigatorische Information darstellen. Selbst die Überlegung, die dargestellten Quadranten würden die mögliche Positionierung der jeweiligen Kardinaltonnen beschreiben, denn die Tonne muss sich nicht immer zwangsweise genau nördlich, westlich usw. der Untiefe befinden, wird durch die Unkenntnis der Lokalisation der Untiefe wiederlegt. Dass sich in der Literatur bei der Beschreibung des Kardinalsystems auch noch die Aussage findet, die jeweilige Tonne sei außen zu umfahren, also beispielsweise die Kardinaltonne im nördlichen Quadranten nördlich, ist mindestens ebenso wenig hilfreich und bei genauer Auslegung sogar lebensgefährlich: Sie könnte dazu verleiten, unmittelbar nach dem Passieren der besagten Tonne nach Süden abzudrehen. Außerdem liest man immer wieder den Hinweis, die so dargestellten "Sektoren" würden den sicheren Bereich um die Untiefe markieren. Das würde bei nur einer einzelnen ausgebrachten Kardinaltonne bedeuten, dass ab der seitlichen virtuellen Linie mit einer Untiefe zu rechnen ist, oder anders formuliert bei Vorhandensein von allen vier Tonnen gar keine Gefahr droht.

Südquadrant mit fragwürdiger Gradangabe

Südquadrant mit fragwürdiger Gradangabe

Vielleicht ist das Problem leichter zu verstehen, wenn man sich eine mit einer einzelnen Kardinaltonne abgesicherten Untiefe ansieht. Die Abbildung rechts soll dies schematisch näher bringen. Dabei befindet sich der Betrachter südlich eines Südquadranten, die Untiefe dahinter zeigt die besprochenen Himmelsrichtungen, im Westen die Linie für Südwest, im Osten die für Südost. Welche Folgerung soll ein Navigator aus dieser Information schließen? Dabei muss bedacht werden, dass sich die Gefahrenstellen oft gänzlich unter der Wasseroberfläche befinden und damit für den Betrachter unsichtbar sind. Dann lassen sich auch diese virtuellen Linien nicht ziehen und stehen somit auch navigatorisch nicht zur Verfügung.

Kardinalsystem anders betrachtet

Kardinalsystem
anders betrachtet

Es gibt jedoch eine alternative Herangehensweise das Kardinalsystem zu betrachen. Die von mir erstellte Grafik soll dies erklären: Dabei werden die imaginären Linien nicht von der Untiefe aus, sondern zwischen den einzelnen Tonnen gezeichnet. Und dadurch ändert sich einiges. Die Kardinaltonnen sind ja, im Gegensatz zur Untiefe, immer zu sehen
Der Südquadrant

Der Südquadrant

und auch wenn nicht alle Tonnen zur Kennzeichnung ausgebracht wurden, kann jede einzelne dazu verwendet werden, von ihr die Himmelsrichtungen punktgenau festzustellen. So würde zum Beispiel die Westtonne den Gefahrenquadranten nach Nordost (45°) und Südost (135°) beschreiben. Oder wie in der Abbildung rechts die Südtonne nach Nordwest (315°) und Nordost (45°). Und diese leicht zu ermittelnde Information lässt sich navigatorisch hervorragend verwerten. Denn befindet man sich also zum Beispiel südlich eines Südquadranten und navigiert nach Westen nicht höher als 315° oder nach Osten nicht höher als 45°, hält man sich von der Untiefe gut frei. Dies stellt eine wesentlich genauere Definition als "südlich des Südquadranten" dar.

Ostquadrant in Rovinj

Ostquadrant in Rovinj

Ich möchte ein Beispiel anführen das zeigen soll, wie diese Quadranten praktisch funktionieren. Die schematische Abbildung links zeigt den Hafen von Rovinj in Kroatien; nördlich ist ein Teil der Zollmole dargestellt, unten sieht man den Steg der Marina. Die einzelne Kardinaltonne markiert mit ihrem Ostquadranten eine Untiefe, auf die alljährlich zahllose unbedarfte Skipper mit ihren Yachten auflaufen, weil sie die Kardinaltonne fehldeuten und zwischen Tonne und der Insel Sveta Katarina steuern. Das Segelboot mit der eingezeichneten roten Kurslinie hält sich gut von der Untiefe frei, auch wenn es nur über wenige Meter tatsächlich östlich der Tonne navigiert. Stellen wir uns nur für einen Augenblick die Kompassrose, wie sie in der ersten Abbildung auf dieser Seite auf der Untiefe eingezeichnet ist, in dieser Situation vor. Nautisch wäre der Informationsgehalt gleich null. Auch die erwähnte Aussage, sich hier östlich der Tonne zu halten, ist zu ungenau und nicht zielführend.

Lousy Rocks im Hafen von Baltimore, Irland.

Lousy Rocks im Hafen von Baltimore, Irland.

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob man sich immer und überall darauf verlassen kann, dass sich der Gefahrenquadrant wie von mir dargestellt immer hinter der Kardinaltonne befindet. Grundsätzlich, ja. Wäre eine solche Annahme seemännisches Verhalten? Ganz bestimmt nicht. Im Schadensfall wird zu klären sein, ob der Navigator durch einen zusätzlichen Blick in die Seekarte gewarnt hätte sein müssen.
Lousy Rocks, schematische Darstellung

Lousy Rocks, schematische Darstellung

Leider gibt es tatsächlich Fälle, in denen Kardinaltonnen nur unzureichend auf eine Untiefe hindeuten. Auch hierfür habe ich ein praktisches Beispiel gefunden; es ist mir bei einem Segeltörn an der irischen Westküste untergekommen. Dort weist in der Hafenbucht von Baltimore eine prominente Südquadrant-Kardinaltonne auf die Lousy Rocks hin. Das Foto zeigt die Situation aus Süden. Die schematische Darstellung rechts lässt erahnen was passieren würde, begäbe man sich von der Kardinaltonne aus auf einen Kurs nach Nordwesten. Nicht nur, dass sich die Kardinaltonne nicht südlich, sondern genau auf der Untiefe befindet, ist noch dazu südwestlich, also deutlich außerhalb des Quadranten, eine trockenfallende Untiefe lokalisiert. Wer sich ein Bild von der Ausdehnung der Untiefen machen möchte, kann sich ein Satelliten-Bild auf maps.bing.com ansehen. Sie ist beträchtlich. Dieses Beispiel soll zeigen, dass letztendlich nur der verantwortungsvolle Blick in die Seekarte Aufschluss über die Lokalisation der Gefahr geben kann.

Bleibt zum Schluss noch zu klären, was "kardinal" bedeutet. In meiner eigenen Ausbildung sowie diverser Literatur sind mir dazu abenteuerliche Erklärungsversuche untergekommen. Selbst die Wikipedia bietet nur eine Übersetzung des lateinischen Wortes an, aber keine Erklärung.
Mit "kardinal" wird auf die Haupthimmelsrichtungen hingewiesen, befinden sich die Tonnen doch nördlich, westlich, südlich oder östlich der Untiefe. Und Himmelsrichtungen, die entstehen, wenn man die Tonnen virtuell mit Linien verbindet, werden als "interkardinal" bezeichnet: Nordwest, Nordost, Südwest und Südost. Und damit lässt sich auch eine sehr beliebte Prüfungsfrage zum maritimen Segelschein einfach beantworten: Nämlich warum ein Einzelgefahrenzeichen, das direkt über einer unmittelbaren Untiefe positioniert ist, nicht zum Kardinalsystem gehören kann.

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