Das Rote Kreuz, ein leidendes Symbol

Von in allgemein, anomalien im gesundheitswesen, politik

Die Fotografie zeigt einen Rettungswagen des Österreichischen Roten Kreuz im Wiener Sozialmedizinischen Zentrum Ost

Rettungswagen Rotes Kreuz

2004 über­rascht das Österreichische Rote Kreuz durch eine Eigeninitiative der Landesverbände Kärnten und Vorarlberg in der Gestaltung von Rettungswägen. Hierbei soll das neu de­fi­nierte Corporate Design des Österreichischen Roten Kreuzes auch in den KFZ-Designs „kom­pro­miss­los“ um­ge­setzt wer­den. Ich möchte mit die­sem Artikel zum Nachdenken an­re­gen, in­wie­weit das rote Kreuz als Symbol un­ter sol­chen Designanpassungen lei­det und ob sich dar­aus für die Bürger ei­nes Landes Konsequenzen er­ge­ben könn­ten.

Die Gesetzeslage

Das rote Kreuz muss hier als Zufahrtswegweiser zu einem Pensionistenheim herhalten

Rotes Kreuz als Pensionistenheim-Zufahrts-Wegweiser

Vielen Menschen dürfte nicht be­kannt sein, dass das Symbol „ro­tes Kreuz auf wei­ßem Grund“ ge­setz­lich ge­schützt ist. Nicht an­ders lässt es sich er­klä­ren, warum so vie­ler­orts ein ro­tes Kreuz zu se­hen ist, wo es streng ge­nom­men nicht an­ge­bracht sein dürfte: als Kennzeichnung von Arztpraxen und Apotheken [1], KFZ-Verbandspäckchen, Parkplätzen von Ärzten und Rettungszufahrten in Spitälern, oder z.B. auf Webseiten. Viele Betriebe und selbst Politiker ma­chen sich il­le­gal die welt­weite Bekanntheit des Symbols zu­nutze [2]. Dabei steht der Missbrauch des Rotkreuz-Zeichens, das seit dem 28. Oktober 1863 [3] für Hilfe und Menschlichkeit steht, seit 1953 [4] bzw. 1962 [5] un­ter Strafe.

Rotes Kreuz Schutzzeichen auf einer Briefmarke

Ein Schutzzeichen auf ei­ner Briefmarke?

Selbstverständlich ist es der Organisation „Rotes Kreuz“ sel­ber ge­stat­tet, das rote Kreuz als Kennzeichen zu ver­wen­den. Aber selbst für den Verein gel­ten strenge Regeln. Im Gesetzestext steht [6]:

Das Zeichen des ro­ten Kreuzes auf wei­ßem Grund und die Worte Rotes Kreuz […] dür­fen […] so­wohl in Friedens- als in Kriegszeiten nur zur Bezeichnung oder zum Schutze der Sanitätsformationen, der Sanitätsanstalten, des Personals und des Materials ver­wen­det wer­den, die durch das vor­lie­gende Abkommen […] ge­schützt sind. […] Die na­tio­na­len Gesellschaften des Roten Kreuzes […] dür­fen das Erkennungszeichen, das den Schutz die­ses Abkommens ge­währ­leis­tet, nur im Rahmen der Bestimmungen die­ses Absatzes ver­wen­den.
Die na­tio­na­len Gesellschaften des Roten Kreuzes […] dür­fen au­ßer­dem in Friedenszeiten ge­mäß den na­tio­na­len Gesetzen den Namen und das Zeichen des Roten Kreuzes für ihre üb­rige den Grundsätzen der in­ter­na­tio­na­len Rotkreuzkonferenzen ent­spre­chende Tätigkeit ver­wen­den. […]

Äußerst be­ach­tens­wert ist fol­gen­der Absatz [6]:

Ausnahmsweise kann ge­mäß den na­tio­na­len Gesetzen und mit aus­drück­li­cher Erlaubnis ei­ner der na­tio­na­len Gesellschaften des Roten Kreuzes […] das Schutzzeichen des Abkommens in Friedenszeiten ver­wen­det wer­den, um Ambulanzfahrzeuge und Rettungsstellen kennt­lich zu ma­chen, die aus­schließ­lich der un­ent­gelt­li­chen Pflege von Verwundeten und Kranken die­nen.

Dass die Rettungswägen des Österreichischen Roten Kreuzes das Symbol des ro­ten Kreuzes tra­gen, ist für den Verein, auch wenn er sich die Bewilligung sel­ber er­teilt, also gar nicht selbst­ver­ständ­lich. Die Fahrzeuge tra­gen es aus­nahms­weise. So steht es im Gesetz.

Die Umsetzung

Lustiger Rotkreuz-Aufkleber. Schutzzeichen-Missbrauch für jedermann.

Lustiger Aufkleber für je­der­mann

Über Gesetzestexte kann man ge­teil­ter Meinung sein; vor al­lem, wenn man de­ren Sinn nicht ver­steht. Wen küm­mert es, ob das Erste-Hilfe-Paket im pri­va­ten Fahrzeug von ei­nem ro­ten Kreuz ver­ziert wird? Wem scha­det es, wenn der Rettungsparkplatz vor ei­ner Krankenhaus-Station mit ei­nem gro­ßen ro­ten Kreuz mar­kiert ist? Wer wird sich schon be­schwe­ren, wenn in je­dem klei­nen Dorf der Praktiker Wegweiser zu sei­ner Ordination mit ei­nem Roten-Kreuz-Symbol be­rei­chert?

Das „Aushöhlen“ ei­nes „Kennzeichens[2] in Friedenszeiten kann es als Schutzzeichen im Konfliktfall un­brauch­bar ma­chen. Wie sol­len dann Freund von Feind un­ter­schie­den wer­den, wenn sich schon zu Friedenszeiten kei­ner um den Schutz ei­nes Kennzeichens küm­mert? Wo wird der Hilfesuchende letzt­end­lich Schutz fin­den, wenn jede be­lie­bige un­be­rech­tigte Stelle ein ro­tes Kreuz aus­weist?

Die Abbildung zeigt ein Rotes Kreuz als Schutzzeichen auf einem Schlüsselanhänger, der als Behältnis für ein Beatmungstuch dient

Rotes Kreuz als Schutzzeichen auf Schlüsselanhänger

Im Zusammenhang mit die­sen Betrachtungen wol­len wir uns noch­mals dem Pilotprojekt der Landesverbände Kärnten und Vorarlberg des Österreichischen Roten Kreuzes [7] zu­wen­den. Vor al­lem für die um das Jahr 2005 lan­des­weit statt­ge­fun­dene Erneuerung der Rettungsflotte von VW T4 auf T5-Transporter wurde ein neues Fahrzeug-Design an­ge­dacht, wie es auch heute noch bei (fast) al­len Fahrzeugen des Österreichischen Roten Kreuzes zu se­hen ist. Kärnten und Vorarlberg sind ei­nen Schritt wei­ter ge­gan­gen und ha­ben das Corporate Design, näm­lich „die sehr mar­kan­ten, qua­dra­ti­schen Gestaltungselemente“ [7] auf die Fahrzeuge über­tra­gen. Mit den „qua­dra­ti­schen Gestaltungselementen“ sind wohl die 5 sich aus dem (ro­ten) Kreuz er­ge­ben­den Quadrate ge­meint, denn prak­ti­scher­weise lässt sich das Kreuz tat­säch­lich in 5 gleich große Quadrate zer­le­gen
Altkleidersammlung Rotes Kreuz

Altkleidersammlung Rotes Kreuz

(das Schutzzeichen ist aber nicht zwin­gend so de­fi­niert). Diese qua­dra­ti­schen Elemente wur­den nun „neu“ an­ge­ord­net und auf die Front und die Seitenflächen der Fahrzeuge prak­ti­sch der Höhe des Fahrzeuges ent­spre­chend an­ge­bracht (siehe Bild am Anfang des Artikels). Vielleicht hätte man bes­ser ei­nen Hinweis an­brin­gen sol­len, dass jeg­li­che Ähnlichkeit zum „Roten Kreuz“ rein zu­fäl­lig und un­er­wünscht ist. Denn auch mit un­ter­durch­schnitt­lich we­nig Fantasie be­gabte Betrachter wer­den hier an „das eine“ Kennzeichen er­in­nert. Nun muss man sich die Frage ge­fal­len las­sen, mit wel­cher Motivation ab­ge­schnit­tene rote Kreuze auf Rettungswägen ge­klebt wer­den.

Die kon­se­quente Fortsetzung des ÖRK-Erscheinungsbildes im Fahrzeugbereich er­zielt eine starke Abhebung vom Mitbewerb und da­durch eine klare und ein­deu­tige Präsenz auf den Straßen.

Quelle: [7]

Das Kenn- und Schutzzeichen „ro­tes Kreuz“ wird also ganz be­wusst ver­frem­det, um dann in Übergröße auf Fahrzeugen zu Werbezwecken her­hal­ten zu müs­sen. Das Deutsche Rote Kreuz for­mu­liert den Stellenwert von Wahrzeichen und Kennzeichen „ro­tes Kreuz“ auf ei­ner sei­ner Webseiten wie folgt [8]:

Die Wahrzeichen dür­fen we­der durch Übermalen, Umformung noch durch Inversschriften und Farbverläufe ver­frem­det wer­den. […] Als Kennzeichen sol­len sie re­la­tiv klein blei­ben.

Und wei­ter:

Die Zeichen ver­lan­gen ei­nen be­son­de­ren Respekt und ste­hen für die kom­mer­zi­elle Vermarktung nicht zur Verfügung. Daher ist es be­son­ders wich­tig, dass die Zeichen ih­rer Würde ent­spre­chend be­han­delt und nur in den an­ge­ge­be­nen Formen ver­wen­det wer­den.

 

Schlussfolgerung

Erste Hilfe Container

Erste Hilfe Container

Werbung mit dem roten Kreuz

Werbung mit dem ro­ten Kreuz

Gerade der zu­vor an­ge­spro­chene Punkt „das rote Kreuz steht für die kom­mer­zi­elle Vermarktung nicht zur Verfügung“ stellt für den Verein Rotes Kreuz ein Problem dar. Zwar ge­mein­nüt­zig und nicht ge­winn­ori­en­tiert tä­tig, je­doch zur Wirtschaftlichkeit ge­zwun­gen sieht sich die Organisation ge­rade in letz­ter Zeit mit ei­nem stei­gen­den Konkurrenzdruck kon­fron­tiert. So ist es ver­ständ­lich, dass der Wunsch zu ei­ner ei­gen­stän­di­gen Identität, die auch dem­entspre­chend ag­gres­siv be­wor­ben wer­den kann, im­mer grö­ßer wird. Dabei kommt es im­mer wie­der zu son­der­ba­ren Erscheinungen, wie zum Beispiel als vor we­ni­gen Jahren das Wiener Rote Kreuz auf Plakaten mit ei­nem zur Seite ge­kipp­ten ro­ten Kreuz (also ei­nem „X“) warb (sinn­gem.):

„Überall wo sie die­ses Kreuz se­hen wird ih­nen ge­hol­fen“.

Nun ist ge­rade diese neue Identitätsfindung pa­ra­dox; wel­cher Verein, wel­che Organisation ver­fügt über mehr Identität und Bekanntheit, als „das Rote Kreuz„? Was ist in der Vergangenheit schief ge­lau­fen, dass ein welt­weit der­ma­ßen be­kann­tes, ge­schätz­tes und ge­wür­dig­tes Symbol wer­be­tech­ni­sch nicht mehr aus­rei­chend „zieht“? Und das bei ei­nem Verein, der keine Gelegenheit ver­passt, seine Grundsätze zu un­ter­strei­chen [9]:

Alles was wir tun, ma­chen wir um der Sache wil­len, nicht aus Eigennutz.

Sollte das nicht auch ge­rade für „das eine“ Symbol gel­ten?

 

Sinn und Unsinn

Das Foto zeigt eine ÖBB Taurus-Lokomotive der Reihe 1016/1116, zum 125 Jahre Jubiläum des Roten Kreuzes.

ÖBB 1116 264-1
Foto mit freund­li­cher Genehmigung:
Stefan Mayer, München
my-fotoseiten.de

Bestimmungen wie „mög­lichst klein ge­hal­ten“, „aus­nahms­weise auf Ambulanzfahrzeugen“, „be­son­de­rer Respekt“ und na­tür­lich das Genfer Abkommen im Artikel 44 (Das rote Kreu­z darf nur zur Bezeich­nung oder zum Schutze der Sani­täts­for­ma­tio­nen, der Sani­täts­an­stal­ten, des Per­so­nals und des Mate­ri­als ver­wen­det wer­den, die durch das vor­lie­gende Abkom­men ge­schützt sind) las­sen, wie je­der Gesetzestext, Interpretationen zu. So ist „mög­lichst klein ge­hal­ten“ re­la­tiv zu se­hen, wenn man, an­ge­bracht auf ei­nem Fahrzeug, ein Symbol auch noch bei schnel­ler Fahrt er­ken­nen kön­nen soll. Mit re­flek­tie­ren­der Farbe bie­tet ein grö­ße­res Symbol be­stimmt auch mehr Sicherheit, als ein klei­ne­res. Und wer wird es schon ei­ner Organisation ab­spre­chen wol­len, ein Vereinslogo eh­ren­voll auf den Fahrzeugen an­zu­brin­gen? Diese Sinnhaftigkeit wird aber zum Unsinn per­ver­tiert, wenn zum Beispiel eine ÖBB-Lokomotive mit ro­ten Kreuzen re­gel­recht zu­ge­pflas­tert wird, wie dies zum 125 Jahre Jubiläum des Österreichischen Roten Kreuzes ge­sche­hen ist [10]. (Weitere Bilder der Rotkreuz-ÖBB-Lokomotive auf bahnbilder.warumdenn.net)
„Die Rot Kreuz Taurus wird mit ih­rem auf­fäl­li­gen Design die Bereitschaft zu hel­fen the­ma­ti­sie­ren“, meinte Martin Huber, Vorstandssprecher der ÖBB-Holding AG, 2005. 

Sie the­ma­ti­siert eher, wie sehr das rote Kreuz un­ter sol­chem Missbrauch zu ei­nem lei­den­den Symbol wird.

 

Weitere Beispiele

 

Fußnoten

Das Foto der Rotkreuz Lokomotive ÖBB 1116 264-​​1 wurde mit freund­li­cher Genehmigung von Stefan Mayer, München, zur Verfügung ge­stellt. my-fotoseiten.de

 

Nachtrag

Dieser Artikel wurde am 25.07.2013 in mei­nem Buch „Anomalien im Gesundheitswesen – Angelegenheiten aus der Ersten Hilfe und Medizin“ pu­bli­ziert.

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