Notstand in der Rettungsgasse

Von in anomalien im gesundheitswesen, gesundheit, politik, verkehr

Wie ich bereits mehr­mals im ika­ri­us­Blog auf­ge­zeigt habe, kur­sie­ren im Inter­net oft haar­sträu­ben­de Emp­feh­lun­gen zu diver­sen Erste-​Hilfe-​Leistungen. Einen Höhe­punkt setzt die Wer­be­kam­pa­gne zur ab 2012 gel­ten­den Rege­lung der Ret­tungs­gas­se in Öster­reich auf rettungsgasse.com. Dabei wird unter “Fra­gen und Ant­wor­ten” und wei­ters unter “Son­der­fra­gen” auf die Pro­ble­ma­tik, ob man als Ver­kehrs­teil­neh­mer die Ret­tungs­gas­se befah­ren darf, wenn z.B. ein Mit­fah­rer einen medi­zi­ni­schen Not­fall erlei­det, um die­sen rasch ins nächs­te Kran­ken­haus zu beför­dern, ein­ge­gan­gen. Rettungsgasse.com beant­wor­tet die Fra­ge wie folgt:

Eine sol­che Über­tre­tung wäre im Not­stand gerecht­fer­tigt, wenn man im fol­gen­den Ver­fah­ren eine ärzt­li­che Bestä­ti­gung vor­le­gen kann, die die außer­ge­wöhn­li­che Situa­ti­on plau­si­bel belegt.

Ich möch­te in die­sem Arti­kel beleuch­ten, war­um ein Befol­gen die­ser Aus­sa­ge, obwohl sie nach der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung kor­rekt sein mag, den Erst­hel­fer straf­recht­lich in größ­te Schwie­rig­kei­ten brin­gen kann. Und war­um man von die­sem Vor­ge­hen lie­ber die Fin­ger las­sen soll­te.

Neh­men wir fol­gen­den kon­stru­ier­ten Fall an: Ein Ver­kehrs­un­fall auf der Wie­ner Süd­ost­tan­gen­te sorgt für eine Total­blo­cka­de der Auto­bahn, der Ver­kehr kommt zum Erlie­gen. Die Auto­fah­rer befol­gen brav die neue Rege­lung und bil­den vor­schrifts­mä­ßig eine Ret­tungs­gas­se. Im Stau, etwa drei Kilo­me­ter vom Unfall­ort ent­fernt, steckt auch der Fah­rer Hans-​Dieter-​Kai-​Uwe, der sich in der drit­ten Spur befun­den hat und kor­rek­ter­wei­se an den lin­ken Fahr­bahn­rand gefah­ren ist. Weil er und vor allem sei­ne Bei­fah­re­rin Dör­te (sowie eigent­lich alle ande­ren im Stau befind­li­chen Ver­kehrs­teil­neh­mer) einen wich­ti­gen Ter­min wahr­neh­men wol­len und die Zeit bereits fort­ge­schrit­ten ist, muss sich Dör­te fürch­ter­lich auf­re­gen, wor­auf sie einen Herz­in­farkt erlei­det. Hans-​Dieter-​Kai-​Uwe, über den Zustand Dör­tes wenig ent­zückt, gerät in Panik, schert aus der Schlan­ge aus, rast die Ret­tungs­gas­se ent­lang, wursch­telt sich beim Ver­kehrs­un­fall vor­bei und bret­tert den schnells­ten Weg ins nächs­te Spi­tal.

Soweit die Theo­rie, soweit die Emp­feh­lung auf rettungsgasse.com. Ich den­ke, über den Not­stand wird man nicht dis­ku­tie­ren müs­sen. In der öster­rei­chi­schen Recht­spre­chung gibt es weit­aus weni­ger ein­deu­ti­ge Fäl­le, die zuguns­ten des Ver­kehrs­teil­neh­mers ent­schie­den wur­den, so zum Bei­spiel bei einem Auto­fah­rer, dem man die Stra­fe wegen einer Geschwin­dig­keits­über­tre­tung erließ, weil er nach­wei­sen konn­te, dass er unter argem Durch­fall litt, ein zeit­na­her Selbst­be­schiss droh­te und er, um sel­bi­gen zu ent­flie­hen, ziem­lich aufs Gas drück­te, um die nächs­te Rast­stät­te schnellst­mög­lich zu errei­chen. Aus­schlag­ge­bend für die Nach­sicht war letzt­end­lich, dass der Fah­rer im Auto nicht allei­ne war und es sozi­al nicht zumut­bar ist, sich neben sei­ner Beglei­tung zu erleich­tern. Die Beglei­tung hat dabei aller­dings nie­mand befragt (was aber auch ver­ständ­lich ist, weil für sie ja kei­ne Stra­fe zur Dis­kus­si­on stand. Recht­spre­chung kann so mensch­lich sein).

Man wird sich also vor­stel­len kön­nen, dass auch Hans-​Dieter-​Kai-​Uwe nicht son­der­lich argu­men­tie­ren wird müs­sen. Und wenn er mit der fach­kun­di­gen Ersthelfer-​Diagnose “Herz­in­farkt” nicht völ­lig dane­ben lag, wird ihm auch das “plau­si­ble Argu­ment” im dro­hen­den Ver­fah­ren nicht feh­len [1]. Es wird sich schon ein Arzt fin­den, der ihm das bestä­tigt. Soweit ist also die Aus­sa­ge auf rettungsgasse.com sicher kor­rekt. Im Sin­ne der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung. Im Sin­ne der Ers­ten Hil­fe, und damit auch durch­aus straf- wie zivil­recht­lich, wür­de oder könn­te die­ses Vor­ge­hen gleich meh­re­re arge Kon­se­quen­zen nach sich zie­hen.

Ver­set­zen wir uns in die Lage Hans-​Dieter-​Kai-​Uwes. Wie wür­de ein aus­ge­bil­de­ter Durchschnitts-​Ersthelfer reagie­ren, wenn jemand in eine gesund­heit­li­che Aus­nah­me­si­tua­ti­on gerät? Er igno­riert alle gel­ten­den Ver­kehrs­re­geln und drückt aufs Gas. Das tut er, weil er alle ande­ren Ver­kehrs­teil­neh­mer, inklu­si­ve dem Erkrank­ten oder Ver­letz­ten und sich sel­ber gefähr­den möch­te, um den Erkrank­ten oder Ver­letz­ten ärzt­li­cher Hil­fe zuzu­füh­ren. Dabei miss­ach­tet er auch gleich alle Regeln der Ers­ten Hil­fe, inklu­si­ve der Durch­füh­rung lebens­ret­ten­der Sofort­maß­nah­men und Ein­hal­tung der Ret­tungs­ket­te, womit er wie­der das Leben des Erkrank­ten oder Ver­letz­ten ris­kiert und sich damit der unter­las­se­nen Hil­fe­leis­tung straf­bar macht.

Ja aber… Hans-​Dieter-​Kai-​Uwe hat doch auch Ers­te Hil­fe geleis­tet, schließ­lich hat er Dör­te ins Kran­ken­haus gebracht.

Ganz und gar nicht. In der gesam­ten Erste-​Hilfe-​Literatur wird der Trans­port durch den Erst­hel­fer nicht ein­mal erwähnt. Das ergibt sich dar­aus, dass der Erst­hel­fer ande­re aus­las­ten­de Auf­ga­ben auf­ge­tra­gen bekommt und vor allem, weil es für den Trans­port Pro­fis gibt, näm­lich “die Ret­tung” oder “den Ret­tungs­dienst”. Der Trans­port aus einer mög­li­chen Gefah­ren­zo­ne ist dabei kein Trans­port, son­dern ein Ber­gen, der Erst­hel­fer birgt also höchs­tens, aber er trans­por­tiert nicht.

Erschwe­rend kommt hin­zu, dass ein Trans­port immer eine gehö­ri­ge Belas­tung für Ver­letz­te und Erkrank­te dar­stellt. Dar­um wird im Ret­tungs­dienst ver­sucht, den Pati­en­ten zuerst mög­lichst zu sta­bi­li­sie­ren (Hans-​Dieter-​Kai-​Uwe ver­wehrt Dör­te die­se Leis­tung, indem er die Ret­tungs­ket­te unter­bricht) und anschlie­ßend einen ruhi­gen und scho­nen­den Trans­port unter stän­di­ger Beob­ach­tung und medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung durch­zu­füh­ren. Auf­merk­sa­me Beob­ach­ter erken­nen das an einem sich mit ein­ge­schal­te­tem Blau­licht lang­sam (!) bewe­gen­den Ret­tungs­au­to. Auch so etwas soll es geben, doch doch. Wie Hans-​Dieter-​Kai-​Uwe das bewerk­stel­li­gen soll, wird auf rettungsgasse.com ver­schwie­gen. Und so bolzt Hans-​Dieter-​Kai-​Uwe wie ein Irrer über den Asphalt, wäh­rend Dör­te unad­äquat gela­gert immer mehr in einen Schock ver­fällt und, so dies Hans-​Dieter-​Kai-​Uwe tat­säch­lich gelingt, in einem noch schlech­te­ren All­ge­mein­zu­stand, ver­ur­sacht durch den Trans­port und feh­len­de wei­te­re Ers­te Hil­fe, im Kran­ken­haus ankommt.

Es gibt noch wei­te­re unge­klär­te Pro­ble­me. Ist Dör­te ledig­lich kol­la­biert, wird sie im nächst­bes­ten Spi­tal sicher nicht falsch auf­ge­ho­ben sein. Soll­te es sich jedoch tat­säch­lich um einen erns­ten Not­fall han­deln (ver­ges­sen wird nicht: Hans-​Dieter-​Kai-​Uwe setzt sich begrün­det über die Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung hin­weg und gefähr­det Men­schen­le­ben), ver­wehrt er Dör­te eine zeit­lich ange­mes­se­ne Behand­lung in einer Spe­zi­al­ab­tei­lung (z.B. Stroke-​Unit bei Schlag­an­fall etc.). Hans-​Dieter-​Kai-​Uwe ist näm­lich gera­de im Kran­ken­haus ange­kom­men, dem Arbeitsunfall-​Krankenhaus der AUVA in Meid­ling. Das kennt er gut, weil er schon ein paar Mal sel­ber dort Kun­de war. Kran­ken­haus ist doch gleich Kran­ken­haus, oder nicht? Über den Sekun­där­trans­port und die damit ver­bun­de­ne Ver­zö­ge­rung in der Behand­lung, mit der er Dör­tes Gene­sung belas­tet, hat er sich näm­lich noch kei­ne Gedan­ken gemacht. Und so muss schließ­lich jenes Kran­ken­haus, in das Hans-​Dieter-​Kai-​Uwe gefah­ren ist, von vorn mit der Ret­tungs­ket­te begin­nen und erst ein­mal selbst die Ret­tung anru­fen. Ich weiß aus eige­ner lang­jäh­ri­ger Erfah­rung im Ret­tungs­dienst, dass sol­che Sekun­där­trans­por­te ganz und gar nicht sel­ten erfor­der­lich sind.

Vor nicht all­zu lan­ger Zeit kam es am Wie­ner Gür­tel zu einer Schie­ße­rei. Ein Ange­schos­se­ner wur­de, mit angeb­lich nicht uner­heb­li­chen Ver­let­zun­gen, ins AKH ein­ge­lie­fert. Am nächs­ten Tag war in der Zei­tung zu lesen, dass der Trans­port durch einen beherz­ten Taxi­fah­rer hel­den­haft durch­ge­führt wur­de. Die Men­ge jubel­te. Schön, dass der Ange­schos­se­ne den Irr­sinn über­leb­te. Bemer­kens­wert, dass sich nie­mand über­leg­te, wel­che Kon­se­quen­zen es für den Tax­ler gege­ben hät­te, wäre der ver­letz­te Fahr­gast im AKH tot aus dem Taxi gestie­gen.

Wir soll­ten uns glück­lich schät­zen, wenn bei Not­fäl­len Per­so­nen anwe­send sind, die den Mut haben, beherzt ein­zu­grei­fen und zu hel­fen. Wir soll­ten sie bei ihrer mensch­li­chen Leis­tung för­dern und sie durch kla­re Richt­li­ni­en in ihrer Ent­schei­dungs­fin­dung unter­stüt­zen und Sicher­heit bie­ten. Es ist nicht hilf­reich, wenn man den Anschein erweckt, ein eigen­stän­di­ger Trans­port im Sin­ne der Ers­ten Hil­fe wäre eine Opti­on. Im vor­lie­gen­den Fall ist es schon bei­na­he Per­ver­si­on: Man bewirbt eine Tech­nik, um die Ein­satz­zeit der Hilfs­kräf­te zu ver­kür­zen, und lässt gleich­zei­tig dem Erst­hel­fer die Wahl, den Ver­letz­ten oder Erkrank­ten von den Hilfs­kräf­ten zu ent­fer­nen. War­um ver­langt man nicht gleich vom Erst­hel­fer, den Ver­letz­ten zu schul­tern und ihn so schnell wie irgend mög­lich ins nächs­te Kran­ken­haus zu fah­ren?

Fußnote

[1] Dia­gno­sen wer­den in der Ers­ten Hil­fe sehr gegen­sätz­lich dis­ku­tiert. So ver­langt man vom Erst­hel­fer sehr wohl, sich einen Ein­druck der Lebens­funk­tio­nen des Ver­letz­ten oder Erkrank­ten zu machen, was man mit “Not­fall­dia­gno­se” umschreibt. Dabei fol­gert der Erst­hel­fer zum Bei­spiel Bewusst­lo­sig­keit, oder Atem-​Kreislaufstillstand. Selbst­ver­ständ­lich ist es jedoch nicht Auf­ga­be des Erst­hel­fers, zu einer Dia­gno­se wie “Herz­in­farkt”, “Schlag­an­fall” oder “Becken­frak­tur” zu gelan­gen. Sie ist auch für die wei­te­re Tätig­keit im Sin­ne der Ersten-​Hilfe völ­lig irrele­vant. Hans-​Dieter-​Kai-​Uwe hät­te also bei Dör­te zum Bei­spiel eine Bewusst­seins­stö­rung oder Schmer­zen im Brust­be­reich oder Atem­not etc. fest­ge­stellt und hät­te sofort dem­entspre­chend han­deln müs­sen. Gera­de die­se Erklä­rung zeigt, wie unsin­nig der fol­gen­de Trans­port wohin auch immer sein muss.

Nachtrag

Die­ser Arti­kel wur­de am 25.07.2013 in mei­nem Buch “Ano­ma­li­en im Gesund­heits­we­sen - Ange­le­gen­hei­ten aus der Ers­ten Hil­fe und Medi­zin” publi­ziert.

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