Milgramesque

Von in gesundheit

Beim dies­jäh­ri­gen Tref­fen der Gesell­schaft für Wahr­neh­mungs­neu­ro­wis­sen­schaft in San Fran­cis­co erregt eine Moral-​Studie Auf­se­hen. Die von der Stu­den­tin Ori­el Feld­man­Hall publi­zier­te Stu­die “Not what we say, but what we do: A neural basis for real moral decision-​making” zeigt in scho­ckie­ren­der Wei­se, wozu Men­schen fähig sind, wenn man ihnen finan­zi­el­le Beloh­nung in Aus­sicht stellt. Dabei ist noch nicht voll­stän­dig geklärt, was mehr scho­ckiert: Der Out­co­me der Stu­die, oder dass es das Stu­di­en­de­sign durch die Ethik­kom­mis­si­on geschafft hat.

Dabei hat die Pres­se die Kern­aus­sa­ge der Stu­die offen­sicht­lich miss­ver­stan­den. Denn alle Medi­en echauf­fie­ren sich der­zeit dar­über, dass Men­schen offen­bar bei Bezah­lung bereit­wil­lig ihres­glei­chen quä­len. In besag­ter Stu­die geht es näm­lich viel­mehr dar­um, dass es bei soge­nann­ten Moral-​Studien einen signi­fi­kan­ten Unter­schied macht, ob man die Pro­ban­den bit­tet, sich ledig­lich gedank­lich in eine mora­lisch her­aus­for­dern­de Situa­ti­on zu ver­set­zen, oder sie mit die­ser Situa­ti­on tat­säch­lich phy­sisch kon­fron­tiert. Dabei erin­nert das Stu­di­en­de­sign frap­pant an das 1961 durch­ge­führ­te und mora­lisch bedenk­li­che (z.B. “Die Mil­gram Expe­ri­men­te - Dar­stel­lung der Ergeb­nis­se und eige­ne Stel­lung­nah­me”, Stu­di­en­ar­beit von Nadi­ne Dei­ters) Milgram-​Experiment, mit dem Unter­schied, dass Feld­man­Hall et all den Pro­ban­den für das Aus­tei­len von Strom­schlä­gen finan­zi­el­le Beloh­nung in Aus­sicht stell­te, hin­ge­gen Mil­gram schlicht auf die auto­ri­sier­te Durch­füh­rung der Ver­suchs­ord­nung bestand.

Ich habe mich bereits 2008 in dem Arti­kel “Mil­gram Expe­ri­ment wie­der­holt” dar­über gewun­dert, dass trotz schwe­rer ethi­scher Ver­werf­lich­keit des Expe­ri­ments ein ähn­li­cher Ver­suchs­auf­bau erneut durch­ge­führt wur­de und wie eine Ethik­kom­mis­si­on heut­zu­ta­ge einer der­ar­ti­gen Ver­suchs­an­ord­nung zustim­men kann. Dabei scheint das Ver­lan­gen nach wei­te­ren ver­gleich­ba­ren Expe­ri­men­ten noch lan­ge nicht erlo­schen zu sein, wie uns vor­lie­gen­de Stu­die der Cambridge-​Universität zeigt. Eine mora­lisch ver­werf­li­che Moral­stu­die, na wenn das nicht scho­ckie­rend ist.

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