Sprache ist Kultur

Von in politik

Es ist wie­der Zeit für einen ordent­lich kri­ti­schen Bei­trag. Lesen Sie hier, was es mit mei­ner Kri­tik­sucht auf sich hat und war­um ich mei­ne, Mei­nun­gen rich­tig zu arti­ku­lie­ren sei schwie­ri­ger als man mein­te und nie­mand das sagt, was er meint, aber anders jetzt, als Sie, ver­ehr­te Lese­rin und ver­ehr­ter Leser, das viel­leicht mein­ten. Und dann erklä­re ich in die­sem Arti­kel noch, war­um Bau­an­lei­tun­gen auf Tabletts gelegt wer­den soll­ten und was unse­re Kul­tur dazu sagt.

Mei­ne Kri­tik­sucht ist bekannt und mein Blog ver­sucht nicht gera­de, ein Geheim­nis dar­aus zu machen. Aber, Hand aufs Herz, man hat es gar nicht ein­fach, wenn einem das durch den Kakao Zie­hen ande­rer so am Her­zen liegt, denn kri­ti­sche Wor­te kön­nen noch so mit Bedacht gewählt sein, das Echo ist meist ungleich lau­ter. Dabei wird die ursprüng­li­che Kri­tik oft völ­lig falsch ver­stan­den. Ganz dumm läuft es, wenn man Aus­sa­gen kri­ti­siert und dies anders gemeint war, als jemand glaubt.

Vor ein paar Tagen las ich auf kurier.at den Satz “Von Kri­se ist auf eBay offen­bar kei­ne spur.” Der Rest des Arti­kels prä­sen­tier­te sich sti­lis­tisch, gram­ma­tisch wie ortho­gra­fisch ähn­lich erfri­schend, trotz­dem ging mir gera­de die­se eine zitier­te Anein­an­der­rei­hung von Wor­ten nicht aus dem Sinn, wes­we­gen ich auf Twit­ter den Kon­takt zur Auto­rin such­te und sie scho­nend mit einem zwin­kern­den Smi­ley ver­se­hen dar­auf vor­be­rei­te­te, dass sie dafür wohl eher nicht mit dem Pulitzer-​Preis aus­ge­zeich­net wer­den wür­de.

Wohl war mir klar, dass ich damit sehr laut in den Wald geru­fen hat­te und stemm­te mich in fro­her Erwar­tung gegen das dro­hen­de Echo, das aber nicht ertön­te. Tags dar­auf fand ich besag­ten Arti­kel fol­gen­der­ma­ßen aus­ge­bes­sert: “Von Kri­se ist auf eBay offen­bar kei­ne Spur.” Ver­ste­hen Sie jetzt, wie ich das mit der gemein­ten Mei­nung mein­te?

Was Kri­tik­sucht anbe­langt funk­tio­niert der ika­ri­us­Blog anders, als wahr­schein­lich vie­le mein­ten: Fin­de ich irgend­wo in der Pres­se, mei­nem bevor­zug­ten Revier, einen Recht­schreib­feh­ler, hau ich mich erst ein­mal fürch­ter­lich dar­über ab. Dabei fol­ge­re ich mes­ser­scharf, der Autor müs­se ein unbe­schreib­li­cher Idi­ot sein, beherrscht er doch weder Ortho­gra­fie noch Gram­ma­tik. Natür­lich kann mein Gewis­sen über die­ses Ver­hal­ten nicht die Klap­pe hal­ten und mischt sich mit “du glaubst doch nicht im ernst, dei­ne Blog-​Texte wären alle feh­ler­frei” in den Mono­log ein, wor­auf ich flo­ckig scher­ze: “Läs­sig, dann sind wir eben bei­de Voll­dep­pen. Ich noch eher, weil ich nie­man­den fin­de, der mich dafür bezahlt”.

Tat­säch­lich liegt es mir aber fern, mich über frem­de Recht­schreib­feh­ler lus­tig zu machen. Man wird auch nichts dar­über in mei­nem Blog fin­den. Feh­ler pas­sie­ren, obwohl ich mich dabei schon manch­mal fra­ge, mit wel­cher Soft­ware unse­re Jour­na­lis­ten Arti­kel schrei­ben. Selbst der bil­ligs­ten Recht­schreib­prü­fung muss es bei der Text­stel­le “Von Kri­se ist auf eBay offen­bar kei­ne spur” ganz warm ums Herz wer­den. Ich ken­ne Pro­gram­me, denen man Gewalt antun muss, damit sie sol­che Feh­ler nicht auto­ma­tisch aus­bes­sern. Dass die Jour­na­lis­tin nur den ortho­gra­fi­schen Feh­ler behob, amü­siert. Mich vor allem, weil abseh­bar war, dass davon aus­ge­gan­gen wer­den wür­de, der Rest zwi­schen den zwei Punk­ten wäre “eh voll super”. Von einem Recht­schreib­feh­ler war näm­lich nie die Rede.

Was regt mich dann so auf, dass ich mei­ne end­lich bemes­se­ne Lebens­zeit damit ver­geu­de Blog-​Artikel zu schrei­ben, die letzt­end­lich nur den Zweck erfül­len, mei­ne Sym­pa­thie bei mei­ner Leser­schaft ins Uner­mess­li­che zu sen­ken?

Letz­tens dinier­te ich in einem Restau­rant, das mit beson­ders schnel­ler Zube­rei­tung wirbt und fand dabei den von mir geor­der­ten Bur­ger der­ma­ßen in das Karton-​Behältnis gerotzt, dass ich mich glück­lich schätz­te auf dem Plas­tik­ta­blett eine Papier­auf­la­ge zu fin­den, die mir mit einer gra­fi­schen Dar­stel­lung des Bur­gers eine veri­ta­ble Bau­an­lei­tung bot und mich damit in die Lage ver­setz­te aus dem Lebens­mit­tel­pat­zen das zu bas­teln, was vom Koch wohl ursprüng­lich gemeint war. Dabei stell­te ich mir immer wie­der die glei­che Fra­ge: Wenn es so gemeint war, war­um hat man es dann anders gemacht?

Mei­ne abso­lu­te Lieb­lings­frei­zeit­ver­nich­tungs­be­schäf­ti­gung ist das Lesen von Über­schrif­ten diver­ser Online­diens­te, die es sich zur Auf­ga­be gemacht haben, Mel­dun­gen der Öster­rei­chi­schen Pres­se­agen­tur APA wie­der­holt zu wie­der­ho­len. So titel­te zum Bei­spiel orf.at: “NÖ: Autos von zwei Bür­ger­meis­tern mani­pu­liert.” Natür­lich las­sen Sie sich jetzt von die­ser jour­na­lis­tisch fei­nen Klin­ge nicht irri­tie­ren und wis­sen sofort, was gemeint ist. Lei­der bin ich nicht mit sel­bi­ger Intel­li­genz beschenkt, wes­we­gen ich mir noch Stun­den nach der Lek­tü­re die­ser Per­le deut­scher Stil­blü­ten ver­such­te aus­zu­ma­len, was denn Bür­ger­meis­ter alles an Fahr­zeu­gen ver­än­dern müss­ten, damit es die Öster­rei­chi­sche Rundfunk- und Fern­seh­an­stalt für aus­rei­chend inter­es­sant erach­tet, es ihrer Leser­schaft via welt­be­we­gen­der Schlag­zei­le mit­zu­tei­len.

Erst als ich mich in einem engen Zim­mer zur Ruhe setz­te schoss es mir heiß durch den Kopf: Man könn­te “Autos zwei­er Bür­ger­meis­ter mani­pu­liert” gemeint haben. Das half mir aber auch nur bedingt, denn nun raub­te mir eine ande­re Fra­ge den Schlaf: War­um man es, wenn anders gemeint, nicht so geschrie­ben hat­te.

War­um müs­sen wir uns täg­lich mit defek­ten Pro­duk­ten zeit- und kos­ten­in­ten­siv beschäf­ti­gen, die eigent­lich ganz anders gemeint waren, aber trotz­dem in ihrem zwei­fel­haf­ten Zustand dem Ver­brau­cher über­las­sen wer­den?

Gera­de Medi­en wie die “Öster­reich” oder “Heu­te” legen Wert dar­auf, “so zu schrei­ben, wie die Bevöl­ke­rung spricht”. Wahr­schein­lich war das Volk gemeint, aber selbst dann ist es immer noch eine gro­be Belei­di­gung. Außer­dem wäre zu klä­ren, war­um man bei genann­ten Agen­tu­ren meint, gram­ma­tisch feh­ler­haf­te Arti­kel wären leich­ter zu ver­ste­hen. “Tau­sen­de E-​Mail-​Zugänge von Hot­mail aus­spio­niert.” Ver­ste­hen Sie da sofort, was wirk­lich pas­siert ist? Was der Jour­na­list eigent­lich mein­te? War­um soll­te Hot­mail Kon­ten aus­spio­nie­ren? Oder war etwa “Hotmail-​Zugänge aus­spio­niert” gemeint? War­um schreibt man das dann nicht? Man wird doch hof­fent­lich nicht den­ken, das Volk wäre so däm­lich, nicht zwi­schen Dativ und Geni­tiv unter­schei­den zu kön­nen und dar­aus fol­gern, lie­ber alles falsch zu schrei­ben anstatt zu ris­kie­ren, nicht ver­stan­den zu wer­den.

Tat­säch­lich ist die Mei­nung dazu rei­ne Ein­stel­lungs­sa­che (ich nen­ne sol­che Aus­sa­gen gern “phi­lot­ri­vi­al”). Wenn Sie kei­nen Wert dar­auf legen wie etwas, das Sie sich oben in Ihren Kör­per hin­ein­schie­ben, aus­sieht, weil sich Ihr Kör­per auch kei­ne Gedan­ken dar­über macht, wie es aus­sieht, wenn es unten wie­der her­aus­kommt, dann sind Sie wohl auch jemand, der sofort gneißt, wie etwas gemeint ist, auch wenn es anders geschrie­ben steht. Und sind damit voll zufrie­den. Sie Glück­li­cher!

Viel­leicht füh­len Sie aber tief im Inners­ten ein Unver­ständ­nis dafür, dass wir groß­kot­zig allen Fremd­spra­chi­gen ein Stu­di­um des Deut­schen zur Bedin­gung stel­len und gleich­zei­tig einen Hau­fen Geld dafür aus­ge­ben, um beim Früh­stück Tex­te zu lesen, die einem die Eier hart wer­den las­sen, ohne sie zuvor gekocht zu haben. Und das auch noch kri­tik­los akzep­tie­ren.

Spra­che ist Kul­tur. Mit Kul­tur iden­ti­fi­zie­ren wir uns. Wie schein­hei­lig ist es, sich Sor­gen über den Ein­fluss frem­der Kul­tu­ren zu machen und gleich­zei­tig unfä­hig zu sein, am eige­nen Kul­tur­er­halt teil­zu­neh­men? Wer sei­ne eige­ne Kul­tur im Griff hat, wird angst­frei frem­de Kul­tu­ren als Berei­che­rung erken­nen.

Wer übri­gens auch so geil auf Stil­blü­ten ist wie ich, den lade ich herz­lich in mein “Slash-​der-​Woche-​Archiv” ein.

Share on LinkedInShare on Redditshare on TumblrShare on StumbleUponDigg thisShare on FacebookGoogle+Tweet about this on TwitterEmail to someone