Im Cafe “Bauchstich” II

Von in schwank

Ein Schwank
Vorhang

Ein alt-​wiener Kaf­fee­haus. Meh­re­re Tische. Nur ein Tisch ist besetzt. Herr Nav­ra­til sitzt, gedank­lich in sei­ne Zei­tung ver­tieft, allei­ne bei einer Melan­ge. Am Tisch steht ein Aschen­be­cher, aus dem Ziga­ret­ten­rauch aufsteigt.

Auf­tritt Herr Pospisil.
Herr Pos­pi­sil befreit sich hek­tisch von sei­nem Man­tel, will ihn auf einen Klei­der­stän­der neben dem Ein­gang hän­gen, dabei rutscht der Man­tel jedoch vom Haken und fällt zu Boden.

Herr Pos­pi­sil, lei­se flu­chend: “Na, wos jetzt…”

Herr Pos­pi­sil hebt den Man­tel auf und befes­tigt ihn irgend­wie am Klei­der­stän­der. Herr Nav­ra­til blickt kurz auf, wid­met sich dann aber wie­der sei­ner Zei­tung. Herr Pos­pi­sil eilt zum Tisch von Herrn Nav­ra­til und rutscht auf einen frei­en Stuhl, Herrn Nav­ra­til gegenüber.

Herr Pos­pi­sil, etwas außer Atem, geheim­nis­voll: “Ham­ses schon ghört? Der Fritzl is gsturbn!”

Herr Nav­ra­til senkt die Zei­tung und schaut Herrn Pos­pi­sil ver­ständ­nis­los an.

Herr Nav­ra­til, erstaunt, vor­wurfs­voll, aber ruhig und lang­sam, nasal: “Ich glaub, sie ham da was vergessen.”

Herr Pos­pi­sil ver­harrt wie ange­wur­zelt und bemerkt dann, dass er noch sei­nen Hut trägt. Mit einer Dre­hung steht er abrupt auf, eilt zum Klei­der­stän­der, hängt den Hut acht­los auf einen Haken und sitzt schon wie­der Herrn Nav­ra­til gegenüber.

Herr Pos­pi­sil: “Da Fritzl. Wissns? Der is gsturbn.”

Herr Nav­ra­til wen­det sich lang­sam wie­der sei­ner Zei­tung zu und schüt­telt sie ein­mal durch.

Herr Nav­ra­til, bei­läu­fig: “Herr Pos­pi­sil. Den Fritzl hams eingsperrt. I glab, da hams was missverstandn.”

Herr Pos­pi­sil schaut nach­denk­lich zu Boden.

Herr Nav­ra­til, ent­täuscht: “Asso…”

Auf­tritt Kell­ner. Her­un­ter­ge­kom­me­ner Anzug, blü­ten­wei­ße Ser­vi­et­te über dem lin­ken Unterarm.

Herr Pos­pi­sil, wäh­rend der Kell­ner an den Tisch schrei­tet: “I sog eana wos, Herr Nav­ra­til. Bei sol­che Gfras­ta… i kennt goa ned so weit aus­hoin, wia i gean zua­sch­lo­gn tat.”

Der Kell­ner hält erschro­cken inne, schaut Herrn Pos­pi­sil erstaunt an, fasst sich dann aber schnell wieder.

Der Kell­ner, leicht vor­ge­beugt, in arro­gan­tem Unter­ton: “Eine Melange?”

Herr Pos­pi­sil, blickt mit über­trie­ben treu­her­zi­gen Blick wie ein bet­teln­der Hund hin­auf zum Kell­ner: “Ja wenn sie meinen…”

Der Kell­ner schaut Herrn Pos­pi­sil kurz mit unver­än­der­ter Mine an, dreht sich dann aber mit einem schnip­pi­schen “Sehr­wohl!” um und geht ab.

Herr Nav­ra­til legt die Zei­tung auf den Tisch und nimmt einen Schluck vom Kaf­fee und einen Zug von sei­ner Zigarette.

Herr Nav­ra­til: “I garan­tier ihnen, der Fritzl kriagt im Hefn die Straf, die eam zuasteht.”

Herr Pos­pi­sil, winkt ab: “I was ned. Des mit da gerechtn Straf is in Öster­reich a so a Sach. Da Häupt­ling wül mit här­te­ren Strafn die Ein­hal­tung der Haus­ord­nung im Gemein­de­bau durch­setzn. Dass i ned lach. I hob goa ned gwusst, dass i a Haus­ord­nung im Bau hob. So a Schaß!”

Herr Pos­pi­sil lacht kurz laut auf und klopft sich auf den Schenkel.

Herr Nav­ra­til, beleh­rend: “Die Haus­ord­nung sorgt dafür, dass sie im Bau ned in a Hund­s­trüm­merl steign.”

Herr Pos­pi­sil: “Oba geh, Herr Nav­ra­til. Sie ham ja über­haupt ka Ahnung ned. Sie wohn­an in ana Miet­woh­nung, “(in Schrift­spra­che, sehr deut­lich, Sil­be für Sil­be)” wohl-​be-​halten. Sie wis­sen goa ned, wia des is mit de ganzn Angsoffanan!”

Herr Nav­ra­til seufzt tief, öff­net sei­ne Zei­tung wie­der und liest weiter.

Auf­tritt Kellner.
Der Kell­ner geht mit erho­be­ner Nase zum Tisch der zwei und stellt die Melan­ge vor Herrn Pos­pi­sil auf den Tisch. Herr Pos­pi­sil beob­ach­tet ihn dabei wort­los. Der Kell­ner betrach­tet das Tablett mit dem Kaf­fee einen Augen­blick skep­tisch und nach­denk­lich und dreht dann das Tablett so, dass der Hen­kel der Tas­se und der Löf­fel zu Herrn Pos­pi­sil zeigen.

Herr Pos­pi­sil, zum Kell­ner: “Sagns, wia haßns denn sie eigentlich?”

Der Kell­ner schaut Herrn Pos­pi­sil erstaunt und fra­gend an.

Herr Pos­pi­sil, etwas lau­ter, vor­wurfs­voll: “Na, wia sogn denn die Leit zu eana?”

Der Kell­ner rich­tet sich auf, hält die Nase noch ein wenig höher, gera­de, dass er nicht salutiert.

Der Kell­ner, sehr stolz, sehr nasal: “Herr Ober!”

Der Ober dreht sich zackig am Absatz um und geht ab.

Herr Pos­pi­sil, lacht in sich hin­ein, nach­äf­fend, mit wackeln­dem Kopf: “Herr Ober.”

Herr Nav­ra­til, blät­tert sei­ne Zei­tung um: “Wann sich ihre Mit­be­woh­ner mehr um die Haus­ord­nung küm­mern wür­den, hät­tens alle a weng leich­ter. Und sie tatns ned oll­wei schlecht schlafn wegn die Hundstrümmerl.”

Herr Pos­pi­sil, leicht erregt: “Gehns wissn wos, Herr Nav­ra­til, pudlns eana ned auf, jo?”

Herr Pos­pi­sil macht eine weg­wer­fen­de Hand­be­we­gung, steht auf, holt sich vom benach­bar­ten Tisch eine Zei­tung und setzt sich wie­der an sei­nen Platz. Er schlägt die Zei­tung irgend­wo auf.

Herr Pos­pi­sil, lacht laut, kurz und geküns­telt auf, ohne dass er in der kur­zen Zeit wirk­lich in einem Arti­kel hät­te lesen kön­nen: “Ha!”

Herr Nav­ra­til sieht kurz fra­gend von sei­ner Zei­tung auf.

Herr Pos­pi­sil, sehr vor­wurfs­voll und wich­tig, klopft mit der Rück­sei­te der rech­ten Hand auf die Sei­ten: “So gehn unse­re Poli­ti­ka mit unse­re Sorgn um!”

Herr Nav­ra­til sieht Herrn Pos­pi­sil fra­gend an und als die­ser nicht fort­fährt macht er eine auf­for­dern­de Handbewegung.

Herr Pos­pi­sil: “Na, da Lang­bein schreibt a gan­zes Buch über den mise­ra­blen Zustand unse­res Gesund­heits­sys­tems, und wissns, was unse­re Poli­ti­ka als Recht­fer­ti­gung dazu sagn?”

Herr Nav­ra­til zuckt des­in­ter­es­siert mit den Schultern.

Herr Pos­pi­sil: “Die Poli­ti­ka beru­hi­gen nur und sagn, es is alles ned so schlimm.”

Herr Nav­ra­til, mur­melnd, nach­denk­lich, lang­sam: “Selt­sam.”

Herr Nav­ra­til nimmt genüss­lich einen Schluck vom Kaffee.

Herr Pos­pi­sil, unge­dul­dig: “Was is dar­an seltsam?”

Herr Nav­ra­til: “Na, wann sie jemand wegen was beschul­digt, dann soll­ten sie ja eigent­lich den Vor­wurf ent­kräf­ten, und ned wen beruhigen.”

Herr Pos­pi­sil schaut Herrn Nav­ra­til ver­ständ­nis­los an.

Herr Pos­pi­sil, lässt sich nicht anmer­ken, dass er kein Wort ver­stan­den hat: “Auf jeden Fall hams wegen dem Buch gleich einen Club2 ein­be­ru­fen. Hams den gsegn?”

Herr Nav­ra­til schaut inter­es­siert aber ungläu­big von sei­ner Zei­tung auf.

Herr Nav­ra­til, zwei­felnd: “Jetzt sagns bloß, sie ham sich des angschaut.”

Herr Pos­pi­sil, tri­um­phie­rend: “Da kön­nen sie sich ihnen aber sicher sein! Bis zum Schluss! I sag ihnen, i hät goa ned so viel fressn kön­nen, wia i gean gspiebn hät bei der Sen­dung! So a ver­lo­ge­nes Pack! Oba am End hab­ns alle Feh­ler zuagebn miaßn, die Herrn Ober­schlau. Die ham ned viel gegen die Vor­wür­fe vom Lang­bein sagn kön­nen. A schö­nes Gesund­heits­sys­tem ham­ma da, Herr Nav­ra­til! A schö­nes Gesund­heits­sys­tem! Die Ärz­te ver­schreibn uns Pul­verl, die ma goa ned brauchn und schnei­den auf uns uma­tum, wos ma a ned brauchn und die kran­ke Kas­sa hat ka Geld mehr, wos ma alle brauchn tatn weil ma ned recht­zei­tig drauf gschaut habn dass ma…, eh schon wis­sen. Oba die Poli­ti­ka beru­hign und san stolz auf ean­a­ra bes­tes Gesund­heits­sys­tem auf da ganzn Welt.”

Herr Nav­ra­til legt lang­sam sei­ne Zei­tung zusam­men, macht einen letz­ten Schluck von sei­nem Kaf­fee und steht auf.

Herr Pos­pi­sil, erstaunt, fra­gend: “Sie wolln schon gehn?”

Herr Nav­ra­til, ruhig, von oben her­ab: “Jo, wissns, Herr Pos­pi­sil, i konn goa ned so schnell gehn, wia i jetzt gern wo anders warad.”

Herr Nav­ra­til klemmt sich die zusam­men­ge­leg­te Zei­tung unter die Ach­sel und geht ab.

Herr Pos­pi­sil schaut über­rascht aber belus­tigt zu Boden.

Herr Pos­pi­sil, lacht nach­denk­lich in sich hin­ein: “… so schnell gehn, wia a gern wo anders warad. Ned schlecht.”

Vor­hang.

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