Die Autoapotheke

Von in anomalien im gesundheitswesen, gesundheit, verkehr

… wie wir sie oft ger­ne lie­be­voll nen­nen, hat mit einer eigent­li­chen Apo­the­ke nicht viel gemein­sam. Ein etwas frag­wür­di­ger Bei­trag auf Radio Wien hat mich moti­viert, etwas über die­ses hilf­rei­che Klein­od, das vom Öster­rei­chi­schen Auto­len­ker eher stief­müt­ter­lich behan­delt wird, zu sin­nie­ren.

Der Inhalt eines KFZ-​Verbandskasten ist gesetz­lich vor­ge­schrie­ben.
Falsch. Bezie­hungs­wei­se Ansichts­sa­che. Im §102 Abs. 10 des Kraft­fahr­zeug­ge­set­zes steht geschrie­ben, dass “[…] der Len­ker auf Fahr­ten Ver­band­zeug, das zur Wund­ver­sor­gung geeig­net und in einem wider­stands­fä­hi­gen Behäl­ter staub­dicht ver­packt und gegen Ver­schmut­zung geschützt ist, […] mit­zu­füh­ren hat.” Mehr schreibt der Gesetz­ge­ber nicht vor. Erwäh­nens­wert ist hier­bei, dass gera­de für das Ver­bands­zeug kei­ne ÖNORM ange­ge­ben ist, denn für die Warn­klei­dung (ÖNORM EN 471) wird die­se expli­zit ange­führt. Dabei gibt es sehr­wohl Önor­men für Ver­bands­käs­ten, näm­lich die ÖNORM V 5101 für mehr­spu­ri­ge und die ÖNORM V 5100 für ein­spu­ri­ge Kraft­fahr­zeu­ge.

Das bedeu­tet, es ist völ­lig egal, was mein Ver­bands­kas­ten beinhal­tet.
Natür­lich nicht. Zwar ist eine ÖNORM “nur” eine “Emp­feh­lung”, deren Anwen­dung “grund­sätz­lich frei­wil­lig” erfolgt (sie­he Öster­rei­chi­sches Nor­mungs­in­sti­tut), im Zwei­fels­fall kann sich die Legis­la­ti­ve oder Exe­ku­ti­ve aber auf die ÖNORM beru­fen bzw. sich ihrer bedie­nen. Für die Pra­xis bedeu­tet das, der Fahr­zeug­len­ker darf durch­aus eine mit Ver­bands­zeug selbst befüll­te gut ver­schließ­ba­re Plas­tik­do­se als vor­ge­schrie­be­nes Ver­bands­pa­ket mit­füh­ren, ob die­se jedoch die Prü­fung durch einen kri­ti­schen Exe­ku­tiv­be­am­ten besteht, liegt im Ermes­sen des­sel­ben, wobei wir davon aus­ge­hen, dass sich der Exe­ku­tiv­be­am­te an die Emp­feh­lung des Nor­mungs­in­sti­tuts hält. Ich erlau­be mir vor­zu­stel­len, dass sich eine Ver­kehrs­kon­trol­le bei einem Ver­bands­pa­ket mit einer genorm­ten Auf­schrift schnel­ler gestal­tet, als bei einer Jau­sen­do­se mit dem Auf­druck “hör auf dei­nen Haus­ver­stand”.

Das Ver­bands­käst­chen kann ablau­fen und dann ist der Inhalt schlecht.” (O-​Ton eines Apo­the­kers auf Radio Wien)
Inter­es­sant, wie sich Aka­de­mi­ker zuwei­len aus­drü­cken.
Prin­zi­pi­ell ist die­se Aus­sa­ge rich­tig. Nur dass nicht eine Ver­pa­ckung abläuft, son­dern das Ablauf­da­tum. Und zwar des Inhalts des­sel­ben. Aber wahr­schein­lich hat er es eh so gemeint. Tat­säch­lich sind man­che Gegen­stän­de in einem Ver­bands­käst­chen, selbst wenn es staub­dicht schließt, nicht ewig halt­bar. Ver­bands­päck­chen und Wund­auf­la­gen zum Bei­spiel, die in mög­lichst keim­ar­mem Zustand mit ver­letz­ter Haut in Kon­takt kom­men soll­ten, hal­ten ihre Keim­frei­heit auch unge­nützt in der ver­schlos­se­nen Packung nicht ewig und die Tat­sa­che, dass man im Fal­le eines Unfalls durch einen im Glücks­fall anwe­sen­den und aktiv wer­den­den Erst­hel­fer das eige­ne und dann schon vor lan­ger Zeit abge­lau­fe­ne und dadurch ganz graus­lich mit Kei­men ver­seuch­te Ver­bands­zeug auf die eige­nen Wun­den geklatscht bekommt soll­te als Moti­va­ti­on aus­rei­chen immer dar­auf zu ach­ten, dass sich das Ver­bands­ma­te­ri­al in brauch­ba­rem Zustand befin­det.
Soll­te man.

Eine abge­lau­fe­ne Wund­auf­la­ge kann durch eine in der Apo­the­ke gekauf­te neue ersetzt wer­den.
Oder man kauft sich um das glei­che Geld gleich ein nagel­neu­es Ver­bands­käst­chen im Bau­markt.
Ein genorm­tes selbst­ver­ständ­lich.

Nachtrag

Die­ser Arti­kel wur­de am 25.07.2013 in mei­nem Buch “Ano­ma­li­en im Gesund­heits­we­sen - Ange­le­gen­hei­ten aus der Ers­ten Hil­fe und Medi­zin” publi­ziert.

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