Im Cafe “Bauchstich” I

Von in schwank

Ein Schwank
Vor­hang

Ein alt-​wiener Kaf­fee­haus. Meh­re­re Tische. Nur ein Tisch ist besetzt. Herr Nav­ra­til und Herr Pos­pi­sil. Herr Nav­ra­til, bes­se­re Klei­dung, stark rau­chend, liest Die Pres­se, Herr Pos­pi­sil, leger, nicht­rau­chend, den Kurier. Bei­de brei­ten die Zei­tung groß­spu­rig über den Tisch.

Auf­tritt Kell­ner. Tief­schwar­zer aber her­un­ter­ge­kom­me­ner Anzug. Arro­gan­te, ver­stei­ner­te Mie­ne. Stellt zwei Kaf­fee deut­lich hör­bar auf den Tisch. War­tet einen Augen­blick auf eine Bemer­kung der zwei. Nach­dem bei­de aber völ­lig reg­los wei­ter­hin in die Zei­tung star­ren wen­det sich der Kell­ner nach einer klei­nen Ver­beu­gung mit einem gleich­zei­tig ver­ächt­li­chen und vor­wurfs­vol­len Blick ab. Kell­ner ab.

Herr Nav­ra­til blät­tert sei­ne Zei­tung laut­stark um. Herr Pos­pi­sil senkt ein wenig die obe­re Kan­te sei­ner Zei­tung, um Herrn Nav­ra­til in die Augen bli­cken zu kön­nen. Dabei bewegt er jedoch sei­nen Kopf um kei­nen Zen­ti­me­ter. Danach ver­tieft er sich wie­der in sei­ne Zei­tung.

Herr Pos­pi­sil (mit tie­fem favo­rit­ner Akzent): “Na schau, die Nega!”

Herr Nav­ra­til lässt die Zei­tung wie­der ein wenig sin­ken und mus­tert Herrn Pos­pi­sil wie zuvor. Dann schüt­telt er sei­ne Zei­tung ein­mal durch und ver­tieft sich wie­der in die Sei­ten.

Herr Nav­ra­til (hin­ter der Zei­tung. In nasa­lem Ton und sehr ver­rauch­ter Stim­me): “Des haßt Schwo­a­zafri­ka­ner”.

Herr Pos­pi­sil: “174 hamms jetzt nie­der­tö­gelt von de Gfras­ta.”

Herr Nav­ra­til senkt die Zei­tung und blickt Herrn Pos­pi­sil gelang­weilt an.

Herr Nav­ra­til: “Herr Pos­pi­sil. Wie oft hab ich ihnen jetzt schon g’sagt, dass sie die Zei­tung genau­er lesen miaßn? Es geht um 145 Per­so­nen. Und die hat man ned nieder’tögelt, son­dern festg’nommen.”

Herr Nav­ra­til hält sich die Zei­tung wie­der vors Gesicht.

Herr Pos­pi­sil greift über den Tisch, drückt die Zei­tung von Herrn Nav­ra­til hin­un­ter und liest ver­kehrt die Schlag­zei­le:

Herr Pos­pi­sil: “Dro-​gen-​ban-​de aus-​ge-​ho-​ben. Hun-​dert-​fünf-​und-​vier-​zig in Haft.” (Nach einer kur­zen Nach­denk­pau­se:) “Schauschau”.

Herr Pos­pi­sil blickt wie­der in sei­ne Zei­tung. Er rutscht unru­hig auf sei­nem Ses­sel hin und her und grü­belt offen­sicht­lich ange­strengt über etwas nach.

Herr Pos­pi­sil (zu sich, nach­denk­lich): “Wie haum die poa Kie­ba­ra auf an Schlag 145 Nega fest­neh­man kenn­an?”

Herr Nav­ra­til senkt die Zei­tung erneut, greift gemäch­lich zu sei­ner Ziga­ret­te, äschert ab, nimmt einen tie­fen Zug, bläst den Qualm gegen den Pla­fond.

Herr Nav­ra­til: “Herr Pos­pi­sil. Das BK hat die 145 Ver­däch­ti­gen zwi­schen 2005 und 2009 festg’nommen. Dabei ham sie 500 Kilo Sucht­gift sicherg’stellt. Das geht nun wirk­lich ned in ana Nacht.”

Herr Pos­pi­sil wirft einen flüch­ti­gen und nei­di­schen Blick auf die Zei­tung von Herrn Nav­ra­til und ver­steckt sich dann hin­ter sei­ner eige­nen.

Herr Pos­pi­sil: “Im Orf ham’ses ges­tern auch g’sagt. 145 auf einen Schlag. Werns schon sehn. Der Karls­platz wird jetzt wie ausgstorb’n sein.”

Herr Nav­ra­til nimmt wie­der einen Zug von sei­ner Ziga­ret­te.

Herr Nav­ra­til (den Slang von Herrn Pos­pi­sil nach­äf­fend und mit deut­li­cher Beto­nung des Buch­sta­bens “L”): “De hom ober de Dea­ler festg­num­man. Ned de Sücht­ler.”

Herr Pos­pi­sil lässt die Zei­tung fal­len und sieht Herrn Nav­ra­til ent­geis­tert an. Er ist deut­lich um die Ant­wort ver­le­gen. Dann wirft er einen Blick auf die Zei­tung Nav­ra­tils, beugt sich über den Tisch und zeigt auf eine Text­stel­le.

Herr Pos­pi­sil, tri­um­phie­rend: “Na, ihr Kaas­blattl is sich oba a ned einig. Da steht 117 Kilo. Wos jetzt?”

Herr Nav­ra­til blickt mit fins­te­rer Mie­ne auf die Zei­len und hebt dann die Augen­brau­en.

Herr Pos­pi­sil (klopft sich vor Begeis­te­rung auf die Ober­schen­kel): “117 Kilo und 174 Nega! Hah­a­ha!”

Herr Nav­ra­til (sicht­lich genervt): “Lie­ber Herr Pos­pi­sil. In Öster­reich san 145 Per­so­nen festg’nommen wor­den. Den Rest hams in Deutsch­land, Ungarn, der Schweiz, der Nie­der­lan­de, in Nor­we­gen, Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Süd­afri­ka, in den USA, in Vene­zue­la, Peru und in der Tür­kei g’schnappt. Da schauns, da stehts.”

Herr Nav­ra­til hält Herrn Pos­pi­sil die Zei­tung rhe­to­risch vor die Nase. Herr Pos­pi­sil hält beein­druckt inne, krault sich das Kinn.

Herr Pos­pi­sil: “In ande­ren Wor­ten haßt des, die ham 29 Leit in 12 Län­der festg’nommen. Ob sich der Dro­gen­ring davon jemals erho­len wead?

Herr Nav­ra­til seufzt tief, äschert ab, wid­met sich wie­der sei­ner Zei­tung. Herr Pos­pi­sil beob­ach­tet dabei jede sei­ner Bewe­gun­gen, war­tet ab, bis Herr Nav­ra­til wie­der in die Zei­tung ver­tieft ist.

Herr Pos­pi­sil (vor­wurfs­voll): “De woin ja jetzt in allen Loka­len des Pofln ver­bie­ten. In so man­chen Loka­len siagst jo ned amoi mehr bis zur eige­nen Zei­tung.”

Herr Nav­ra­til (ohne von der Zei­tung auf­zu­bli­cken): “Wün­schen sie sich ihnen des ned, Herr Pos­pi­sil. Sie ham ja ka Ahnung, wie es in den Loka­len stin­ken wüad, tarats kan Tschick­qualm ned gebn.”

Herr Pos­pi­sil blickt nach­denk­lich in die Luft, macht dann eine zustim­men­de Ges­te und schlägt die Zei­tung wie­der auf.

Herr Pos­pi­sil, seuf­zend: “Jo eh…”

Auf­tritt Kell­ner. Er beugt sich über den Tisch, wie gewohnt leicht hoch­nä­sig.

Der Kell­ner: “Wün­schen die gnä’n Herrn noch was?”

Herr Nav­ra­til wür­digt den Kell­ner kei­nen Bli­ckes.

Herr Pos­pi­sil: “Bringans mia a Sei­terl.”

Der Kell­ner schaut irri­tiert.

Der Kell­ner (betont nasal): “Es is neun Uhr in der Früh der Herr.”

Herr Pos­pi­sil: “Asso, schon so spät, dann do lie­ber a Krü­gerl bitt­schön.”

Der Kell­ner zögert kurz, geht dann aber mit einem schnip­pi­schen “Sehr wohl” wie­der ab.

Herr Pos­pi­sil (wie­der zu Herrn Nav­ra­til gewandt): “Hams des Bültl mit der U-​Zwa a in ihrem Blattl?”

Herr Nav­ra­til, schaut auf: “Wos is?”

Herr Pos­pi­sil: “Na, die Dings, die U-​Bahn, die vaun­fallt is, weil der Chauf­feur andran­glt woa.”

Herr Nav­ra­til: “Der is eing’schlafn, woa angeb­lich nüch­tern.”

Herr Pos­pi­sil (denkt kurz nach): “Jo, wuascht. Auf jeden Fall haben Kin­der, des Gfick­werk des, den gon­zen Zug angmoin und auf die Stirn vom Zug homs auf­ge­schribn U2 Schrott­platz.” (Lacht in sich hin­ein): “Schrott­platz. Ned schlecht.”

Herr Nav­ra­til: “De oaman Leit, de des jetzt o’putzn miasn. Wissns, wia schwer des owe­geht?”

Herr Pos­pi­sil sin­niert, wäh­rend der Kell­ner mit dem Bier kommt.

Herr Pos­pi­sil (zu sich, nach­denk­lich): “Wia Hun­de­schei­ße.”

Der Kell­ner will gera­de das Bier auf den Tisch stel­len, stockt aber und sieht Herrn Pos­pi­sil fra­gend an.

Herr Pos­pi­sil (blickt zum Kell­ner hin­auf und lächelt): “Dan­ke!”

Der Kell­ner schüt­telt den Kopf und stellt das Bier grob auf den Tisch. Dann dreht er sich um und geht ab.

Herr Pos­pi­sil wen­det sich zum Herrn Nav­ra­til.

Herr Pos­pi­sil (nickt Herrn Nav­ra­til freund­lich zu): “Wia Hun­de­schei­ße.”

Herr Nav­ra­til: “Wie­so wia Hun­de­schei­ße?”

Herr Pos­pi­sil: “Na sans noch nie in Hun­de­schei­ße einetre­ten? Des pickt wia Beton. Des kriagst mit nix owe. Letztns bin i wie­da ein­ge­stie­gn, ins Glück. Genau vor an von de Tafaln, de gschis­s­an­an. Wissns, Herr Nav­ra­til, wos do oben steht? “Sind dir 36 Euro wurst?” steht da drauf. Und rund um des Taferl woan unge­fähr drei­ßig Hund­s­trüm­merl vastraht. So a Saue­rei. Und genau in an von de drei­ßig Scheiß­hau­fen bin i einegstie­gn. I sog ihn­an wos, Herr Nav­ra­til. De Tafaln san ned amol als Warn­tafln wos weat.”

Herr Nav­ra­til: “Na wos, jetzt kum­man eh die Wot­schers, wia haßn de noch schnö, de, na…”

Herr Pos­pi­sil: “Ah, se man­an de Waist Wot­schers, jojo…”

Herr Nav­ra­til: “Jo, genau. Da wiad ollas bes­ser wean, weans segn.”

Herr Pos­pi­sil: “Oba sicha. Zwa von de Typen pro Bezirk, wonn de jedem Bau an Besuch obstot­ten, sans ihn­an in an hoibn Joa amoi die Run­de durch.”

Herr Nav­ra­til: “Na passt eh, oda? Oda woins de jeden Tog segn? Schauns, de Poli­ti­ka moch’n wos fia uns, regn’s ihn­an nit imma so auf.”

Herr Pos­pi­sil macht eine weg­wer­fen­de Bewe­gung und wid­met sich wie­der sei­ner Zei­tung.

Herr Pos­pi­sil (seuf­zend): “Jo eh…”

Herr Nav­ra­til blickt plötz­lich auf sei­ne Uhr, fal­tet die Zei­tung eilig zusam­men und steht auf.

Herr Nav­ra­til: “Jös­sas, scho so spät, die Damen foan glei an Supert­schi im Tefau, den derf i ned vasa­man. Gehns, Herr Pos­pi­sil, sans nett und zoins fia mi!”

Herr Pos­pi­sil: “Eh kloa, Herr Nav­ra­til, dru­ckens fia mi die Dau­men mit!”

Herr Nav­ra­til grüßt und geht eilig ab. Herr Pos­pi­sil schaut ihm belus­tigt nach und wen­det sich dann wie­der sei­nem Kurier zu. Dann schüt­telt er den Kopf und lacht in sich hin­ein.

Herr Pos­pi­sil (zu sich): “A so a Gfick­werk…”

Vor­hang.

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