Wenn Ärzte Hilfe leisten

Von in anomalien im gesundheitswesen, gesundheit

Da trifft mich doch der Blitz, dach­te ich mir, als ich letz­tens auf der Web­sei­te von aldis.at lust­los her­umklick­te. Dabei hät­te es schon gereicht, trä­fe mich der Schlag. Lesen Sie hier, war­um es bes­ser wäre, Medi­zi­ner gäben kei­ne Rat­schlä­ge zur Ers­ten Hilfe.

Es steht völ­lig außer Dis­kus­si­on, dass die Erste-​Hilfe-​Leistung einen enorm hohen Stel­len­wert in der Ver­sor­gung von Not­fall­pa­ti­en­ten hat. Unter­las­se­ne oder unsach­ge­mä­ße Hil­fe­leis­tung kann den Hei­lungs­pro­zess und Kran­ken­haus­auf­ent­halt ver­län­gern (was, neben ethi­schen Grün­den, in der heu­ti­gen Zeit gera­de finan­zi­ell ja nicht unin­ter­es­sant ist), oder im schlimms­ten Fall den Tod für den Betrof­fe­nen bedeu­ten (und zwar noch bevor hoch­mo­der­ne Medi­zin über­haupt zum Ein­satz kom­men konnte).

Aus die­sem Grund wird Ers­te Hil­fe bereits in der Volks­schu­le unter­rich­tet, gefolgt von min­des­tens einer Dop­pel­stun­de in der Mit­tel­schu­le und der Mög­lich­keit eines Wahl­fa­ches “Ers­te Hil­fe” in der AHS. Als Medi­zin­stu­dent bekommt man für ein Semes­ter aus­rei­chend Zeit, dies wich­ti­ge The­ma tief­schür­fend zu studieren.

In einer ande­ren Gala­xie vielleicht.

Hier­zu­lan­de hat man als Durch­schnitts­bür­ger gera­de ein­mal peri­phe­ren Kon­takt mit der Ers­ten Hil­fe, wenn man sich um einen Füh­rer­schein bemüht (even­tu­ell spä­ter noch­mals, wenn man den Fetz’n wegen eines Fetz’ns ver­liert) oder wenn man weg­schaut, wenn eine Hil­fe­leis­tung von Nöten wäre.

Aber die aka­de­mi­sche Eli­te, vul­go Medi­zi­ner, wer­den sich doch sicher inten­siv in den Tech­ni­ken der Ers­ten Hil­fe üben?

Mit­nich­ten. Das Pflicht­prak­ti­kum “Ers­te Hil­fe” wird im Medi­zin­stu­di­um an öster­rei­chi­schen Uni­ver­si­tä­ten mit einer läp­pi­schen Semes­ter­stun­de ( = 45 Minu­ten x 15) abge­ses­sen. Zum Ver­gleich: Der Standard-​Erste-​Hilfe-​Kurs bei nam­haf­ten Ret­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen wie zum Bei­spiel dem Arbei­ter Sama­ri­ter Bund dau­ert 16 Stun­den (Füh­rer­schein­kur­se 6 Stunden).

Wer sich nach sei­nem Medi­zin­stu­di­um nicht zum Anäs­the­sis­ten oder Not­arzt aus­bil­den lässt (und da gibt es reich­lich ande­re Mög­lich­kei­ten), hat von der Ers­ten Hil­fe so viel Ahnung, wie jeder ande­re Bür­ger in die­sem Land.

Das glau­ben Sie mir nicht? Dann keh­ren wir zum Anfang die­ses Arti­kels zurück, und blät­tern gemein­sam auf aldis.at, wo uns Inter­nist Wolf­gang Enen­kel (ver­mut­lich, eine Quel­le fehlt) über die Erste-​Hilfe-​Maßnahmen bei einem Blitz­schlag aufklärt.

[…] ist bei Bewusst­lo­sen unver­züg­lich eine Not­fall­dia­gno­se zu stellen.”

Um fest­zu­stel­len, ob jemand sein Bewusst­sein ver­lo­ren hat, muss eine Not­fall­dia­gno­se gestellt wer­den. Dabei wird Bewusst­sein, Atmung und Kreis­lauf kon­trol­liert. Als Dia­gno­se lässt sich folg­lich Bewusst­lo­sig­keit oder Atem-​Kreislaufstillstand stel­len. Wozu also bei einem Bewusst­lo­sen die Not­fall­dia­gno­se (noch­mals) stellen?

” Wenn not­wen­dig, sofort künst­li­che Beat­mung mit Mund und äuße­re Herz­mas­sa­ge beginnen […]”

Was ich in der Ers­ten Hil­fe noch nicht gese­hen habe (und ich habe wäh­rend mei­ner Lehr­tä­tig­keit sehr viel gese­hen), ist eine natür­li­che Beat­mung, oder eine Beat­mung mit einem ande­ren Kör­per­teil als dem Mund. Und der Aus­druck “äuße­re Herz­mas­sa­ge” kann nur von einem Inter­nis­ten stam­men. Aber gut, ich sehe schon ein… das ist ein wich­ti­ger Hin­weis. Sonst käme näm­lich noch jemand auf die Idee, dem Bewusst­lo­sen (dazu spä­ter mehr) den Brust­korb zu öff­nen, das Herz in die Hand zu neh­men und eine inne­re Herz­mas­sa­ge durchzuführen.

” Bei Kreis­lauf­still­stand oder Atem­still­stand Not­arzt­wa­gen oder Ret­tungs­hub­schrau­ber anfordern! ”

Hört sich ver­nünf­tig an, ist aber schreck­lich falsch. Sol­che Aus­sa­gen brin­gen Erst­hel­fer in schlim­me Ent­schei­dungs­not. Denn es liegt nicht im Ermes­sen des Erst­hel­fers, über das ein­ge­setz­te Ret­tungs­mit­tel zu ent­schei­den. Außer­dem impli­ziert obi­ge Äuße­rung, dass Bewusst­lo­se kei­nen Not­arzt benö­tig­ten. Wie ein­gangs erwähnt, könn­te dies zum Tod des Betrof­fe­nen führen.

Bei allen Ver­un­glück­ten auf Schock­sym­pto­me ach­ten. Allen­falls Schock­be­kämp­fung durchführen.”

Als Inter­nist soll­te man über die Gefah­ren eines Schocks infor­miert sein und tat­säch­lich ist man bei kei­nem ande­ren Fach­arzt mit einem Schock-​Geschehen bes­ser auf­ge­ho­ben, als bei einem Inter­nis­ten (und wenn der nicht mehr wei­ter weiß, beim Anäs­the­sis­ten). Als Kli­ni­ker muss man sich auch nicht mit solch unan­ge­neh­men Din­gen wie Schock-​Vermeidung her­um­är­gern, man bekommt den Pati­en­ten ja schon im schlech­ten All­ge­mein­zu­stand. Wenn der Erst­hel­fer aber sein Hand­werk ver­steht, hat er die Mög­lich­keit, einen Schock (ist mit Lebens­ge­fahr gleich­zu­set­zen) zu ver­hin­dern(!). Lan­ge Rede, kur­zer Sinn: In der ers­ten Hil­fe ist jeder Betrof­fe­ne einer Schock­be­kämp­fung zuzu­füh­ren. Und nicht erst, wenn der Schock bereits auf­tritt. Dies hat den Stel­len­wert einer Lebensrettung!

Ist der Pati­ent bewusst­los? Wenn ja, Basis­re­ani­ma­ti­on, Intu­ba­ti­on. Beat­mung. Bei Kreis­lauf­still­stand Reanimation.”

Ja, so mag es jeman­dem erge­hen, der einen Blitz­schlag erlit­ten hat. Das klingt sehr nach “Hau-​drauf-​und-​Schluss-​Methode”. Herr Dok­tor, möch­ten Sie denn nicht mit Ihren Pati­en­ten spre­chen? Wenn alle bewusst­lo­sen Pati­en­ten intu­biert ins Kran­ken­haus kämen, wie manag­ten Sie dann Ihre Inten­siv­sta­ti­on? Und über­le­gen Sie nur, was das für eine Schwei­ne­rei gäbe, wenn Erst­hel­fer intu­bier­ten! Reicht denn der Luft­röh­ren­schnitt nicht mehr? Und, auch wenn es noch so toll klingt, Bewusst­lo­se soll­te man kei­ner Basis­re­ani­ma­ti­on zufüh­ren, sonst könn­te letzt­end­lich eine Intu­ba­ti­on tat­säch­lich indi­ziert sein.

Bestehen am Beginn der Reani­ma­ti­on Lebens­zei­chen, hat der Pati­ent gute Überlebenschancen.”

Nun ja, aber nur, wenn man die Reani­ma­ti­on unterlässt.

Bestehen dar­über hin­aus Asys­to­li­en? - sind cha­rak­te­ris­tisch für Blitz­schlag. Kön­nen aber auch spon­tan wie­der in Sinus­rhyth­mus übergehen.”

Ich weiß nicht genau, in wel­cher Spra­che die­se Zei­len ver­fasst sind, im Deut­schen erge­ben sie nur wenig Sinn. Unter Asys­to­lie ver­steht man den Herz­still­stand schlecht­hin. Wie das wohl aus­se­hen mag, wenn er an einem Men­schen in der Mehr­zahl auf­tritt? Viel­leicht meint man ja auch extra­sys­to­li­sche Arrhyth­mi­en, was auch bes­ser zum Hin­weis “cha­rak­te­ris­tisch für Blitz­schlag” pas­sen wür­de, eben­so wie die Tat­sa­che, dass es zur Spon­tan­hei­lung kom­men kann. Ein Herz­still­stand heilt nur sel­ten von selbst. Außer­dem spricht man in der Ers­ten Hil­fe nicht von Zustän­den, die im opti­ma­len Fall ein­trä­ten. Sonst fol­ger­te noch jemand, man kön­ne jeman­den mit einem Herz­still­stand auch ein­fach lie­gen las­sen. Mit etwas Glück über­le­be man das (recht­lich).

Man sieht also, so ein­fach ist das nicht mit der For­mu­lie­rung in der Ers­ten Hil­fe, da hilft auch kein aka­de­mi­scher Grad. Mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit aber ein Ers­te Hil­fe Kurs. Im Ver­ein ihres größ­ten Vertrauens.

Nachtrag

Die­ser Arti­kel wur­de am 25.07.2013 in mei­nem Buch “Ano­ma­li­en im Gesund­heits­we­sen - Ange­le­gen­hei­ten aus der Ers­ten Hil­fe und Medi­zin” publi­ziert.

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