Über Betten und Honorare

Von in gesundheit, politik

Man­che Mel­dun­gen in der Pres­se schei­nen auf den ers­ten Blick der­ma­ßen absurd, dass man wirk­lich geneigt ist, in älte­ren Aus­ga­ben zu recher­chie­ren, wel­che Aus­sa­gen denn zur dama­li­gen Zeit getä­tigt wur­den. So ging es mir auch mit der Fest­stel­lung, in Kran­ken­häu­sern gäbe es zu vie­le Bet­ten. Und die müss­ten jetzt dezi­miert wer­den. Da zitiert man doch gern das pfei­fen­de Schwein. Aber zum Jodeln fängt es an, wenn man davon liest das täte man, um Geld ein­zu­spa­ren. Lesen Sie hier einen Blog­ein­trag über Schwer­kran­ke, die auf Kran­ken­haus­gän­gen lie­gen, oder war­um Ärz­te bald am Hun­ger­tuch nagen könn­ten.

Also mach­te ich mich auf die Suche nach älte­ren Aus­ga­ben in denen geschrie­ben stand, es gäbe in unse­ren Spi­tä­lern zu wenig Bet­ten. Pati­en­ten lägen auf den Gän­gen und teil­wei­se müs­se man sogar Pati­en­ten, die man mit der Ret­tung in ein Kran­ken­haus bräch­te, aus Platz­man­gel abwei­sen. Obwohl, wozu in einem Schmier­blatt wüh­len, wenn ich es aus Erfah­rung weiß? Die Pati­en­ten, die ich mit der Ret­tung im Kran­ken­haus Lainz Hiet­zing bis­her ablie­fer­te und direkt in ein Bett in einem Zim­mer leg­te, kann ich an einer Hand abzäh­len. In der Regel wird eher ver­zwei­felt noch ein Platz für ein Bett am Gang gesucht. Wie man jetzt auf die Idee kommt, es gäbe zu vie­le Bet­ten in den Spi­tä­lern, ist für mich wahr­lich unbe­greif­lich.

Oder, halt. Viel­leicht war das, wie so oft im Leben, gaa­anz anders gemeint? Viel­leicht mein­ten unse­re Ent­schei­dungs­trä­ger, man näh­me zu vie­le Pati­en­ten sta­tio­när auf? Das wäre dann schon etwas ande­res. Nach 14 Jah­ren Ret­tungs­dienst in drei ver­schie­de­nen Bun­des­län­dern mei­ne ich deut­li­che Unter­schie­de in der Pra­xis ordi­nie­ren­der All­ge­mein­me­di­zi­ner gese­hen zu haben. Wo in länd­li­chen Gegen­den alles Men­schen­mög­li­che unter­nom­men wird, um Pati­en­ten noch zu Hau­se zu the­ra­pie­ren, wird in Städ­ten prak­tisch gar kei­ne Ver­ant­wor­tung mehr über­nom­men. Am “Land“ habe ich oft Prak­ti­ker erlebt, die vor Ort einen Harn­ka­the­ter erneu­er­ten, ein pin­ge­li­ger Ein­griff, der in Wien undenk­bar wäre. Wozu auch, wo doch das nächs­te der über 40 Spi­tä­ler gleich um die Ecke ist. Ich weiß schon, für einen Kathe­terwech­sel wird nie­mand sta­tio­när auf­ge­nom­men…

Aber wie­vie­le allein­ste­hen­de alte Men­schen wer­den defi­ni­tiv sta­tio­när behan­delt, obwohl “ledig­lich” eine sozia­le Indi­ka­ti­on besteht? Wo ein Platz in einem Pen­sio­nis­ten­heim drin­gendst erfor­der­lich wäre (wo genau­so toll Flüs­sig­keit in ein Schlau­cherl trop­fen könn­te, nur eben viel bil­li­ger). Weil aber ein Daheim­blei­ben undenk­bar ist, Alters­heim­plät­ze dank vor­aus­schau­en­der Poli­tik Man­gel­wa­re und Ange­hö­ri­ge zur Betreu­ung nicht inter­es­siert (oder, erwerbs­tä­tig, nicht in der Lage) sind, müs­sen eben Kran­ken­haus­bet­ten her­hal­ten. Wohin mit den Alten, wenn Bet­ten gestri­chen wür­den?

Wie man es dreht oder wen­det, die Aus­sa­ge über die zu hohe Anzahl von Kran­ken­haus­bet­ten schrammt schon wie­der mei­len­weit an dem tat­säch­li­chen Übel vor­bei. So gnä’ Frau krie­gen Sie Ihre Finanz­mi­se­re nicht in den Griff. Die Hand­ha­be mit sta­tio­nä­ren Auf­nah­men ist eta­bliert. Dar­an etwas zu ändern hie­ße, ein gan­zes Sys­tem zusam­men­bre­chen zu las­sen.

Apro­pos eta­bliert. Haben Sie’s schon gehört? Jetzt will man den Kin­dern die Schle­cker weg­neh­men. Also, ich mei­ne, Ärz­te sol­len nur noch Wirk­stof­fe ver­schrei­ben dür­fen. Die Medi­ka­men­te sol­len von Apo­the­kern aus­ge­wählt wer­den. Das fin­den Sie inno­va­tiv? Mit­nich­ten. Deutsch­land hat das 2002 aus­pro­biert. Und ist dar­an kläg­lich geschei­tert.

Die Idee etwas am Sys­tem zu ändern ist nicht dumm. Seit über 800 Jah­ren sind die Kar­ten ein­deu­tig ver­teilt. Der Arzt ver­schreibt, der Apo­the­ker hän­digt aus. Es ist eine Tat­sa­che, dass Ärz­te, je nach Güte­klas­se, bes­tensfalls über ein Reper­toire von 100 bis bes­tensfalls 200 Medi­ka­men­ten ver­fü­gen, die sie regel­mä­ßig ver­ord­nen. Ist auch ver­ständ­lich, soll doch ihr Wis­sens­spek­trum noch wesent­lich ande­re Berei­che umfas­sen. Lei­der war es mir nicht mög­lich zu erfah­ren, über wie­vie­le Medi­ka­men­te eine durch­schnitt­li­che Apo­the­ke ver­fügt. Was mei­nen Sie? Ob ein Apo­the­ker über jedes ein­zel­ne sei­ner Medi­ka­men­te genau­es­tens Bescheid wis­sen muss? Ha? Na? Nur zur Info: Ein Mag. pharm. lernt die Hälf­te sei­nes Stu­di­ums über Neben- und Wech­sel­wir­kun­gen. Wer da wohl bes­ser Bescheid wüss­te?

Bevor wir jetzt mit gro­ßer Eupho­rie auf die Lösung aller Pro­ble­me zustol­pern, wagen wir noch schnell einen Blick zum nörd­li­chen Nach­barn, der in die­ser Ange­le­gen­heit bereits über Erfah­rung ver­fügt. Die Hoff­nung, eine Über­tra­gung der Aus­wahl eines Medi­ka­ments auf die Apo­the­ker wür­de wesent­li­che Men­gen an Geld ein­spa­ren, starb zuletzt. Die Mei­nung, Apo­the­ken wür­den eher zu bil­li­gen Gene­ri­ka grei­fen, wo doch eine höhe­re Gewinn­span­ne zu erwar­ten wäre, erwies sich als falsch. Phar­ma­pro­du­zen­ten kom­pen­sier­ten den ent­stan­de­nen Preis­druck, indem sie Apo­the­ken zu beson­ders umfang­rei­chen Bestel­lun­gen Gra­tis­pro­ben schenk­ten, die die­se wie­der­um (mit 100% Gewinn) für Bares an den Kun­den wei­ter­ga­ben. Unterm Strich zahl­ten die Kran­ken­kas­sen in Deutsch­land schließ­lich um eini­ges mehr, als noch zu jener Zeit, zu der die Ärz­te über das ver­schrie­be­ne Medi­ka­ment ent­schie­den.

Jetzt sagen Sie bloß, sie glaub­ten wirk­lich, Ärz­te wür­den sich gegen beschrie­be­ne Plä­ne weh­ren, weil sie auch mor­gen noch Medi­ka­men­te, und nicht nur Wirk­stof­fe, ver­schrei­ben möch­ten. Dann über­le­gen Sie doch, wel­che Phar­ma­kon­zer­ne ihnen noch fet­te Hono­ra­re zah­len wer­den, wenn sie KEINE Medi­ka­men­te mehr ver­schrei­ben wür­den. Na?

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