WGKK unterminiert die Rettungskette

Von in anomalien im gesundheitswesen, gesundheit, politik

Die Abbildung zeigt einen Text mit den Worten Die GKK möchte offensichtlich, dass sich Patienten vom Ärztefunkdienst das Okay für die Alarmierung des Rettungsdienstes holen.Im Zuge einer Recherche stieß ich auf der Webseite der Wiener Gebietskrankenkasse auf einen interessanten Artikel (auch im Zusammenhang mit dem Pflegenotstand). Es handelt sich dabei um die Befreiung des Patienten im Sinne der Rezeptgebühr von einer Kostenbeteiligung bei einem Krankentransport (jetzt hol mich doch der Teufel, wurde die Kostenbeteiligung denn nicht schon längst abgeschafft?). Gegen Ende des Artikels werden mehrere Krankentransportunternehmen aufgelistet, darunter auch die Wiener Magistratsabteilung 70 (die aber bereits seit Jahren keine Krankentransporte mehr übernimmt, sondern sie an "befreundete" Organisationen, was auch immer das für die Praxis bedeuten mag, abgibt). Darum auch der Zusatz, dass die MA70 "in erster Linie Erste-Hilfe-Einsätze innerhalb Wiens übernimmt".

Nein, liebe GKK, das tut die MA70 nicht. Erste-Hilfe-Einsätze übernimmt die Wiener Bevölkerung. Dass sollte Sie fröhlich stimmen, denn diese Einsätze kosten Sie keinen Cent. Die MA70 übernimmt Rettungseinsätze. Auch wenn ein Patient nicht in ein Krankenhaus eingeliefert werden muss. Dazu und warum der Pflegenotstand die Situation verschärft später mehr. Im letzten Absatz steht schließlich geschrieben, dass "bei Gesundheitsstörungen im eigenen Wohnbereich vorerst (vorerst?) der Ärztefunk unter 141 gerufen werden sollte und dessen Anweisungen zu befolgen wären".

Dass die Krankenkasse keinen Unterschied zwischen Erste Hilfe, Krankentransport und Rettungsdienst kennt, ist erschütternd. Der Hinweis, bei Gesundheitsstörungen den Ärztefunk zu rufen ist aber, in diesem Zusammenhang, eine Unterminierung der Rettungskette. Der Ärztefunk hat durchaus seine Berechtigung und oftmals verhindert der Einsatz desselben ein Herauslösen des Patienten aus seinem sozialen Umfeld durch eine möglicherweise vermeidbare Einlieferung in ein Krankenhaus, was neben einer Kostenersparnis auch sozial einen hohen Wert ausmacht. Aber was soll ein Laie mit dem Begriff "Gesundheitsstörung" anfangen? Das sieht dringend nach einer systematischen Verunsicherung der Bevölkerung aus, und nebenbei wird der Wert des Rettungsdienstes geschwächt. Die GKK möchte offensichtlich, dass sich Patienten vom Ärztefunkdienst das Okay für die Alarmierung des Rettungsdienstes holen (darum der Zusatz "vorerst")! Anscheinend soll so die Anzahl von Fehleinsätzen gesenkt werden. Ist ja völlig in Ordnung, liebe GKK, denn lange Wartezeiten am 141 sind eine absolute Seltenheit und Zeit spielt in der Notfallmedizin überhaupt keine Rolle. Wer über Schmerzen hinter dem Brustbein klagt (was ja auch eine Gesundheitsstörung darstellt) wird bereitwillig 30 Minuten auf ein Telefongespräch mit einem Arzt warten. Und man kann wirklich nur dringend davon abraten den Notruf 144 zu wählen, denn die Leitung führt in Wirklichkeit zu einem schwindligen Callcenter auf Coconut Island, dessen Mitarbeiter keine Ahnung von "Gesundheitsstörungen" haben und Rettungsteams nur entsenden, damit Kosten entstehen.

Und dann gibt es in dem Artikel noch einen Hinweis, dass Einsätze, die keine medizinische Intervention erfordern, von der Krankenkasse nicht erstattet werden. Das ist besonders tragisch, denn es passiert ständig, dass alte und kaum mehr mobile Personen in ihren Wohnungen stürzen, sich dabei zwar nicht verletzen, aber wegen fehlender Infrastruktur (Angehörige, Nachbarn, 24-Stunden-Pflege(!)) nicht mehr aufstehen können. Wobei man gar nicht so weit sehen muss. Es mehren sich drastisch Einsätze, bei denen Hilfeleistungen verrichtet werden müssen, die eigentlich Aufgabe einer Heimhilfe wären (Patient muss auf die Toilette und ruft ein Krankentransportunternehmen. Hm, vielleicht sollte man der Politik den Begriff "Krankentransportunternehmen" näher erläutern). Mehrmalige Interventionen in ein und derselben Nacht beim selben Patienten sind da keine Seltenheit. Da die Krankenkasse jedoch die Bezahlung derartiger Einsätze ablehnt, bleiben den Rettungsorganisationen bzw. Krankentransportunternehmen nur zwei Möglichkeiten: Sie stellen dem Kunden die Einsätze voll in Rechnung (was sich Patienten aus dieser Bevölkerungsschicht praktisch nicht leisten können, sonst wären sie längst in einem Pensionistenheim untergebracht), oder sie bleiben, weil sozial ist sozial, auf den Kosten sitzen. Was das für die nahe Zukunft bedeuten kann, sieht man derzeit bei der Flugrettung.

Es ist erschütternd, wenn die Krankenkassen glauben, sie könnten Kosten einsparen, indem sie Grundfeste der Ersten Hilfe unterwandern. Im Notfall hat der Ersthelfer den Notruf zu wählen und im engeren Sinn gehört die 141 nicht dazu. Der Ärztefunk ist ein "Ersatz" für den Hausarzt, wenn dieser nicht erreichbar ist. Darum ist die 141 auch nur zu Zeiten wie dem Wochenende, der Nacht und an Feiertagen besetzt, wodurch der beschriebene Artikel noch fragwürdiger erscheint.

Aufgewacht, werte Politiker! Das Gesundheitssystem balanciert auf einem Zahnstocher, dessen unteres Ende zu faulen beginnt.

Nachtrag

Dieser Artikel wurde am 25.07.2013 in meinem Buch "Anomalien im Gesundheitswesen - Angelegenheiten aus der Ersten Hilfe und Medizin" publiziert.

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