das Recht auf Pflicht

Von in anomalien im gesundheitswesen, gesundheit

Grund­sätz­lich kennt der Öster­rei­cher sei­ne Rech­te. Und er wahrt die­se. Mit­un­ter auch ohne öko­no­mi­sche Beden­ken. Wir tun was wir müs­sen, weil wir es kön­nen. Es ist schwer zu ver­ste­hen, war­um das nicht eben­so gilt, wenn es sich um das Wohl unse­rer Mit­men­schen han­delt. Da wer­den plötz­lich finan­zi­el­le Argu­men­te abge­wo­gen und mit affen­ar­ti­ger Sicher­heit fal­sche Ent­schei­dun­gen getrof­fen. Eine die­ser immer wie­der­keh­ren­den Fehl­ent­schei­dun­gen möch­te ich hier auf­grei­fen und die Argu­men­te beleuch­ten, die zu ihrer Ent­ste­hung beitragen.

Nament­lich geht es dabei um die Pro­ble­ma­tik des Pati­en­ten­trans­por­tes in der Ers­ten Hil­fe. Immer wie­der ent­ste­hen Situa­tio­nen, in denen der Erst­hel­fer glaubt es wäre bes­ser, er bräch­te eine ver­letz­te oder erkrank­te Per­son sel­ber in ein Kran­ken­haus oder zu einem Arzt. Argu­men­te dahin­ge­hend habe ich schon vie­le gehört, nicht nur von Kurs­teil­neh­mern in Erste-​Hilfe-​Kursen, auch im Ret­tungs­dienst sehe ich immer wie­der die Kon­se­quen­zen die­ser mit­un­ter fata­len Ent­schei­dung. Da ver­zich­tet man auf das Recht eines Ret­tungs­mit­tels, weil es der Chef so woll­te. Oder weil das nächs­te Kran­ken­haus so nahe wäre. Oder weil die Ret­tung doch immer so lan­ge brauch­te. Die­se Auf­zäh­lung lässt sich belie­big fort­set­zen. Ich habe sogar schon eine schwe­re Ver­let­zung als Argu­ment für einen Pri­vat­trans­port gehört. Offen­bar wur­de hier aus Zeit­fra­gen falsch entschieden.

Jetzt kann es natür­lich immer wie­der vor­kom­men, dass man sel­ber in die pein­li­che Lage gerät ent­schei­den zu müs­sen, ob denn nun die Ret­tung ver­stän­digt wer­den soll­te, oder nicht. Meis­tens geschieht dies bei Baga­tell­ver­let­zun­gen und -erkran­kun­gen, nach dem Mot­to “wegen die­ser Bles­sur wage ich nicht die Ret­tung zu alar­mie­ren”. Tat­säch­lich ist es aber in der Ers­ten Hil­fe prak­tisch unmög­lich, auch nur irgend­ei­ne Erkran­kung oder Ver­let­zung rich­tig ein­zu­schät­zen, so soll sich schon eine klei­ne Platz­wun­de am Kopf als töd­li­che Hirn­blu­tung und eine Riss-​Quetsch-​Wunde am Unter­arm als offe­ner Bruch her­aus­ge­stellt haben. Daher rührt ja auch der Gedan­ke, dass es nicht son­der­lich sinn­voll ist, in der Ers­ten Hil­fe Dia­gno­sen zu stel­len. Folg­lich könn­te es sich als nütz­lich erwei­sen, und so sieht es übri­gens auch das Gesetz vor, die­se Ent­schei­dung jeman­dem anders zu über­tra­gen. Mit ande­ren Wor­ten ruft man die Ret­tung an und kommt sei­ner Pflicht nach, näm­lich genau zu beschrei­ben, was gesche­hen ist (dabei hat man noch kei­ne Dia­gno­se gestellt). Wovor sich so vie­le fürch­ten (und zwar unnütz die Ret­tung zu alar­mie­ren) lässt sich so ganz ein­fach in einem Tele­fo­nat klä­ren. Tat­säch­lich ver­hält es sich so, dass die Wahl des ein­zu­set­zen­den Ret­tungs­mit­tels dem Mit­ar­bei­ter am Not­ruf zukommt. Der Erst­hel­fer erklärt am Tele­fon ledig­lich das “Wo, Was, Wie­vie­le und Wer”.

War­um ist es nun aber wesent­lich, jeman­den im Sin­ne der Ers­ten Hil­fe nicht ein­fach in sein pri­va­tes Auto ein­zu­la­den und ihn schnell ins nächs­te Kran­ken­haus zu brin­gen? Zu aller­erst, es ist des Erst­hel­fers sei­ne Auf­ga­be nicht. Ich möch­te ver­mei­den, mit recht­li­chem Kram zu kom­men, vor allem, weil die Erste-​Hilfe-​Leistung, solan­ge sie denn erbracht wird (!), eine recht­lich kon­se­quenz­lo­se Tätig­keit dar­stellt. Und das ist, mit zuge­drück­ten Augen, gut so, denn der Erst­hel­fer soll sich in sei­ner nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen durch­ge­führ­ten Hil­fe­leis­tung nicht durch recht­li­che Aus­wir­kun­gen behin­dert füh­len. Damit mei­ne ich, dass es zwar kein Ver­bot des Trans­por­tes von Erkrank­ten und Ver­letz­ten gibt (immer mit dem Vor­be­halt der Frei­wil­lig­keit auf bei­den Sei­ten), es aber auch nicht aus­drück­lich gestat­tet ist. Kei­ne Zwei­fel bestehen im öffent­li­chen Dienst: Weder Taxi­len­ker (die tun’s beson­ders gern) noch die Poli­zei noch sonst wer darf Erkrank­te oder Ver­letz­te in ein Kran­ken­haus bringen/​transportieren. Aber auch der Arbei­ter auf der Bau­stel­le wird dahin­ge­hend bei sei­nem ver­letz­ten Arbeits­kol­le­gen tun­lichst die Fin­ger davon las­sen. Der Trans­port Erkrank­ter und Ver­letz­ter ist schlicht­weg der Ret­tung vorbehalten.

Wer es trotz­dem tut, kann sich mit­un­ter in gro­ße Schwie­rig­kei­ten brin­gen. Wäh­rend der Fahrt mit dem Auto ist eine Schock­be­kämp­fung und Betreu­ung (psy­chi­sche Betreu­ung, Sicher­stel­lung der Lebens­funk­tio­nen) unmög­lich, ein Bestre­ben dahin­ge­hend kann zur gefähr­li­chen Ablen­kung im Stra­ßen­ver­kehr füh­ren. Kom­pli­ka­tio­nen (Übel­keit, Erbre­chen, Blu­tun­gen, Bewusst­seins­ein­trü­bung bis hin zur Bewusst­lo­sig­keit, Atem­pro­ble­me, Kreis­lauf­pro­ble­me…) kön­nen über­se­hen wer­den und im engen PKW zum ech­ten Desas­ter aus­ar­ten (außer­dem, wol­len Sie Blut und Erbro­che­nes im eige­nen Auto haben?). Ich glau­be nicht, dass ich hier über­trei­be, denn auch eine Schnitt­wun­de kann zu einem Schock füh­ren. Mit all sei­nen lebens­be­droh­li­chen Fol­gen. Es reicht aber auch schon, wenn bei einem simp­len Schnitt unbe­merkt Seh­nen ver­letzt wur­den, die der Belas­tung eines unbe­hol­fe­nen Ein­stei­gens in einen PKW nicht mehr stand­hal­ten und rei­ßen. Das kann man sich doch erspa­ren, oder?

Und dann die alles ent­schei­den­de Fra­ge: Wohin? Mög­li­cher­wei­se ken­nen Sie sich in Ihrer Umge­bung gut aus und in Ihrer Stadt exis­tiert nur ein Spi­tal. Wien hat über 40 Spi­tä­ler und nur die wenigs­ten ver­fü­gen, zum Bei­spiel, über eine Unfall­chir­ur­gie (Die Kran­ken­häu­ser Hiet­zing, Kaiser-​Franz-​Josef, oder z.B. die Rudolfs­tif­tung sind Schwerpunkt-​Spitäler und haben trotz­dem kei­ne Unfall­ab­tei­lung. Ich habe sel­ber schon unzäh­li­ge Male mit der Ret­tung Ver­letz­te, die sich dort sel­ber ein­ge­lie­fert hat­ten, abge­holt). Und selbst wenn man das rich­ti­ge Spi­tal erwisch­te ist noch nicht sicher­ge­stellt, dass es auch “geöff­net” hät­te und Pati­en­ten auf­näh­me. Im Not­fall ver­sorgt Sie jedes Spi­tal, dann aber, und jetzt erst recht, wer­den Sie mit der Ret­tung in ein ent­spre­chen­des Kran­ken­haus über­stel­len. War­um also nicht gleich die Ret­tung rufen, die vor die­sen offen­sicht­li­chen Pro­ble­men nicht steht?

Weil es mit dem Taxi oder pri­vat schnel­ler geht? Ich möch­te das gar nicht bezwei­feln. Man darf aber einen wich­ti­gen Gesichts­punkt nicht aus den Augen ver­lie­ren: Jeder Trans­port ver­schlech­tert den Zustand des Betrof­fe­nen und das könn­te gefähr­lich wer­den, wenn nicht Vor­keh­run­gen getrof­fen wur­den. Wie auch immer die aus­se­hen, sie sind dem Erst­hel­fer nicht mög­lich. Es mag zwar sein, dass auch das War­ten auf die Ret­tung nicht den All­ge­mein­zu­stand eines Erkrank­ten oder Ver­letz­ten ver­bes­ser­te, der sofor­ti­ge und lai­en­haf­te (!) Trans­port mit einer nicht ange­mes­se­nen Lage­rung wür­de ihn aber garan­tiert ver­schlech­tern. Abge­se­hen davon kann ein Erst­hel­fer vor Ort mit der rich­ti­gen Schock­be­kämp­fung weit mehr bewir­ken, als durch einen schnel­len (und sehr risi­ko­rei­chen) Privat-​Transport in ein Spital.

Und letzt­end­lich ist es, und damit schließt sich der Kreis, aus “recht­li­chen” Grün­den nicht ein­sich­tig, war­um man zu betreu­en­de Per­so­nen in der Ers­ten Hil­fe die Ret­tung ver­wehrt, wo doch jeder das “Recht” dar­auf hät­te. Aber das Recht des einen scheint nicht immer die Pflicht des ande­ren zu sein, obwohl doch gera­de die Ers­te Hil­fe dar­auf baut. Denn ich habe ein Recht dar­auf, dass mir ande­re hel­fen, denn es ist deren Pflicht, dies zu tun. Las­sen Sie sich nicht auf Dis­kus­sio­nen über den Ein­satz eines Ret­tungs­mit­tels ein. Soll­ten Sie auch nur den gerings­ten Zwei­fel äußern, grei­fen Sie sofort zum Tele­fon und holen sich Hil­fe! Sie haben ein Recht dar­auf. Und die­ses Recht ist Ihre Pflicht.

Nachtrag

Die­ser Arti­kel wur­de am 25.07.2013 in mei­nem Buch “Ano­ma­li­en im Gesund­heits­we­sen - Ange­le­gen­hei­ten aus der Ers­ten Hil­fe und Medi­zin” publi­ziert.

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