Schneegechaost

Von in verkehr

Der 15. Novem­ber 2007 bot ein sehens­wer­tes Schau­spiel und eine tol­le Gele­gen­heit, die öster­rei­chi­sche See­le näher zu stu­die­ren. Just an jenem Tag, für den die StVO eine Ände­rung der Berei­fung für Schwer­fahr­zeu­ge vor­sieht, setz­te uns die Wit­te­rung einen Pat­zen Schnee vor die Haus­tü­re. Was folg­te, wird noch unse­ren Enkel­kin­dern in ein paar Jahr­zehn­ten unter dem Begriff “Schnee­cha­os” ehr­furchts­voll erzählt wer­den.

Dabei war das Schnee­trei­ben in einer Prä­zi­si­on vor­her­ge­sagt wor­den, wie dies sonst nur bei phy­si­ka­lisch gesi­cher­ten Ereig­nis­sen geschieht. Etwa, dass ein ent­glit­te­nes But­ter­brot auf der But­ter­sei­te zu lie­gen kommt. Oder Wahl­ver­spre­chen nicht ein­ge­hal­ten wer­den. Auch wenn der Zeit­punkt des Ereig­nis­ses stimm­te, fiel dann wohl­ge­merkt wesent­lich weni­ger Schnee, als pro­phe­zeit. Trotz­dem wett­ei­fer­te die Pres­se um das Wort “Schnee­cha­os”, dass man nur froh sein kann, dass auf­grund der Erfin­dung des Buch­drucks ein ein­zel­nes Wort nicht aus­ge­hen kann. Völ­lig unver­ständ­li­cher­wei­se: ein ech­ter Wie­ner hat zu so einem welt­be­we­gen­den Ereig­nis (dass Schnee vom Him­mel fällt) sowie­so nur ein Ach­sel­zu­cken übrig. Oder ein Flu­chen. Wenn er Haus­meis­ter ist.

Ähn­lich ach­sel­zu­ckend dürf­ten wohl die 5.000 Per­so­nen die A21 in Angriff genom­men haben. Nicht ahnend, in wel­ches Schnee­cha­os (Mein Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gramm unter­wellt mir in die­sem Doku­ment schon das Wort Schnee­cha­os wegen Wort­wie­der­ho­lung) sie sich gleich stürz­ten wer­den. Eine gera­de, ebe­ne und bes­tens betreu­te Stra­ße erwar­tend, muss das Erwa­chen fürch­ter­lich gewe­sen sein. Gut, man muss fai­rer­wei­se erwäh­nen, dass sicher vie­le Auto­fah­rer die A21 nicht kann­ten. Ganz beson­ders die LKW-​Fahrer. Dank dem 15. Novem­ber 2007 wird sich das zumin­dest für die 5.000 geän­dert haben. Und für Gene­ra­tio­nen nach ihnen. (Das nächs­te Jahr garan­tiert eine Mög­lich­keit zur Gedächt­nis­auf­fri­schung).

Und wie in die­sem Land üblich ist das Schnee­cha­os (unter­wellt) noch nicht vor­über, da wird schon nach Schul­di­gen gesucht. Die LKW-​Fahrer (die angeb­lich teil­wei­se ihre Las­ter absicht­lich quer über die Fahr­bahn stell­ten, um auch ganz bestimmt abge­schleppt zu wer­den) kön­nen es nicht gewe­sen sein, weil sie ja von der Poli­zei auf­ge­hal­ten hät­ten wer­den müs­sen täten tun, wenn sie mit Som­mer­rei­fen und über­haupt. Die PKW-​Fahrer, na, die sind ja sowas von über­rascht wor­den; das grenzt ja schon fast an Frech­heit, dass es im Novem­ber schneit. Ganz klar, die Poli­zei hät­te die Stra­ße sper­ren müs­sen ob des Schnee­cha­os (), wo über­haupt jede Stra­ße sofort gesperrt gehört, wenn es schneit. Und war­um die ASFi­nAG nicht schon längst den Schnee weg­ge­schmol­zen hat, bevor er über­haupt am Boden ange­kom­men ist… 

End­lich for­dert das Schnee­cha­os (mein Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gramm infor­miert mich mit­tels Popup, ich hät­te die maxi­ma­le Anzahl an Wort­wie­der­ho­lungs­mög­lich­kei­ten aus­ge­schöpft) dann die Poli­tik, die sich bemü­ßigt fühlt, die StVO anzu­pas­sen. Weil das geht ja so nicht. Alle zie­hen Win­ter­rei­fen auf, außer jene mit Som­mer­rei­fen, die brau­chen nicht, wenn sie Ket­ten mit­füh­ren, aber die dür­fen sie nur anle­gen, wenn Schnee fällt, sonst müs­sen sie mit Som­mer­rei­fen fah­ren, es sei denn, sie haben Win­ter­rei­fen drauf, dann brau­chen sie kei­ne Win­ter­rei­fen auf­zie­hen.

Und nie wie­der Schnee­chao.

Kraft­fahr­ge­setz 1967, gül­tig seit 1. August 2007 (!), § 102. Pflich­ten des Kraft­fahr­zeug­len­kers:

Absatz 8a: Wäh­rend des Zeit­rau­mes von jeweils 15. Novem­ber bis 15. März darf der Len­ker ein Kraft­fahr­zeug der Klas­sen M2, M3, N2 und N3 (Anm.: Bus­se und LKW) […] nur ver­wen­den, wenn […] Win­ter­rei­fen […] ange­bracht sind. […]
Absatz 9: […] Der Len­ker eines Kraft­fahr­zeu­ges der Klas­sen M2, M3, N2 und N3 […] muss wäh­rend des Zeit­rau­mes von jeweils 15. Novem­ber bis 15. März geeig­ne­te Schnee­ket­ten […] mit­füh­ren. […]
Quel­le.

Aha. Wegen einem Schnee­cha, nach­weis­lich ver­ur­sacht durch LKW, für die es längs­tens eine Ver­ord­nung gibt, machen sich Poli­ti­ker Gedan­ken (that was a joke, haha), PKW Win­ter­rei­fen zu ver­ord­nen. Auch wenn es Ihnen schon zum Hals raus­hängt (ich fin­de es schon zum Kot­zen), aber über­le­gen Sie ein­mal, was mehr CO2-​Ausstoß ver­ur­sacht: Tag­fahr­licht, oder ein hal­bes Jahr Fah­ren mit Win­ter­rei­fen (statt mit Som­mer­rei­fen), oder das Reden dar­über (was das hei­ße Luft pro­du­ziert, Jös­sas!). Viel­leicht böte sich ja die StVO im §60 Abs. 2 an. Für ein Schneech sicher eine Opti­on.

Lan­ge Rede, kur­zer Sinn… Hier mein Rezept fürs nächs­te Schneec: Hän­gen­ge­blie­be­ne LKW, die mit Som­mer­rei­fen und ohne mit­ge­führ­te bzw. ange­leg­te Ket­ten, oder mit Win­ter­rei­fen ohne mit­ge­führ­te Ket­ten bzw. ange­leg­te Ket­ten hän­gen blei­ben, wer­den aus­nahms­los nur auf die Sei­te geschleppt (und nicht so lan­ge geschleppt, bis eine Wei­ter­fahrt mög­lich ist). Wenn der Fah­rer nicht nach­wei­sen kann, dass er sei­nen Arbeit­ge­ber schrift­lich davon infor­miert hat, dass sein LKW nicht den Vor­schrif­ten (Win­ter­rei­fen und Ket­ten) ent­spricht (sie­he StVO §102 Abs. 1), ist eine Geld­stra­fe in größt­mög­li­chem Aus­maß zu ver­hän­gen (nicht ver­ges­sen: 5.000 über mehr als 12 Stun­den ein­ge­sperr­te Per­so­nen, teil­wei­se mit Kin­dern und Säug­lin­gen und ohne Nah­rung unter­wegs). Dem Fräch­ter ist eine Geld­stra­fe in größt­mög­li­chem Aus­maß zu ver­hän­gen (pro LKW). Fah­rern, die nicht mit Win­ter­aus­rüs­tung unter­wegs waren, ist der Ein­satz der Feu­er­wehr voll in Rech­nung zu stel­len. Eben­so den der Ret­tung (jedes ein­zel­ne Fahr­zeug, jeder ein­zel­ne Hel­fer, jeder ein­zel­ne Becher Tee, jede ein­zel­ne Decke). LKW-​Fahrer, die auf der zwei­ten Spur hän­gen geblie­ben sind, sind augen­blick­lich zu ver­haf­ten (ich mein das ehr­lich. Ehr­lich!).

Inwie­weit hän­gen­ge­blie­be­ne PKW einen sol­chen Stau ver­ur­sa­chen kön­nen, ver­mag ich nicht zu sagen. Ich glaubs halt nicht. So ein PKWt­scherl is ja schnell auf die Sei­te gescho­ben. Fah­rer mit Som­mer­rei­fen bekom­men vom Poli­zis­ten eine Ohr­fei­ge und dür­fen am Stra­ßen­rand auf Tau­wet­ter war­ten. Fuß­ge­her und Rad­fah­rer mit brei­tem Grin­sen wer­den freund­lich durch­ge­wun­ken.

Und so bleibt aus dem anfäng­li­chen Cha­os nur noch Schnee. Über den wir uns heu­er hof­fent­lich aus­gie­big freu­en dür­fen. Nicht dass uns die Schi-​Orte wie­der wegen einem Kli­ma­cha­os in den Ohren hän­gen.

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