CO2-Lemminge

Von in anomalien im gesundheitswesen, gesundheit

Der Kurier druckt am 13.10.2007 einen Arti­kel mit dem Titel “Drei Men­schen aus Todes­zo­ne geholt”. Dabei wird Leicht­sin­nig­keit mit Hel­den­tum ver­wech­selt, ein gefähr­li­cher jour­na­lis­ti­scher Kunst­griff, um die Ver­kaufs­zah­len zu steigern.

Tags zuvor waren nach­ein­an­der drei Per­so­nen in einen Wein­kel­ler gestie­gen, um nach der davor nicht zurück­keh­ren­den Per­son Aus­schau zu hal­ten. Jeder brach ob des Sauer­stoff­man­gels in dem Gär­gas zusam­men (was eine fal­sche Aus­sa­ge ist. Dazu spä­ter mehr). Erst dem Vier­ten gelang ein Ber­gungs­ver­such, der allen Ver­un­glück­ten das Leben ret­te­te. Juhu.

Neben dem Arti­kel wird Infor­ma­ti­on über die Gär­ga­se ange­bo­ten (wer neben dem CO2 ande­re Gär­ga­se kennt, soll mir bit­te schrei­ben). Gleich der ers­te Satz hat es in sich: “Das bei der Wein­gä­rung ent­ste­hen­de Gas ist che­misch gese­hen reins­tes Koh­len­di­oxid, das bei der alko­ho­li­schen Gärung von Most pro­du­ziert wird.” Das erklärt, war­um Wein­bau­ern auch min­des­tens ein Fass Most im Wein­kel­ler lagern. Beson­ders gefähr­lich soll ja ver­un­rei­nig­tes CO2 sein. Und wenn das CO2 schon so rein ist, dann darf es auch Koh­len­stoff­di­oxid genannt wer­den. Ehre, wem Ehre gebührt. Wei­ters steht in dem Arti­kel, dass Koh­len­di­oxid schwe­rer als Luft sei und sich “von unten nach oben im Kel­ler ansamm­le”. CO2 ver­drän­ge den Sauer­stoff in der Luft voll­stän­dig und “mache damit das Atmen unmög­lich.” Scha­de, dass der Autor nicht erklärt, war­um man CO2 nicht ein­at­men kön­ne. “Der Kör­per erstickt”. Ja, schreck­lich. Ledig­lich der letz­te Satz scheint kor­rekt zu sein: “Eine Frau wur­de mit einer mas­si­ven Kohlendioxid-​Vergiftung ins Spi­tal gebracht.”

Was hat es mit dem Arti­kel auf sich? Koh­len­stoff­di­oxid wird unter­schätzt. Die Tat­sa­che, dass es im Wein­kel­ler “eh nur” bei der Gärung ent­steht (Wein kön­ne man ja trin­ken, da wird das Gas nicht so schlimm sein) und man nicht gezwun­gen ist, ein Gas ein­zu­at­men (“halt ich halt die Luft an”), führt immer wie­der zum Unglück. Meh­re­re Tat­sa­chen machen das Ber­gen eines Reg­lo­sen aus einem “Koh­len­stoff­di­oxid­see” zur lebens­ge­fähr­li­chen Mut­pro­be: Nie­mand kann einen reg­lo­sen Kör­per eines Erwach­se­nen mit ange­hal­te­ner Atem­luft über Stie­gen ber­gen. Ver­su­chen Sie es im Ebe­nen. Sie wer­den stau­nen. Die Geschich­te mit der bren­nen­den Ker­ze ist ein sich über Jahr­hun­der­te hal­ten­der Schmäh, der ohne Zwei­fel bereits vie­len Men­schen das Leben gekos­tet hat. Ers­tens benö­tigt eine Flam­me wesent­lich weni­ger Sauer­stoff zum Bren­nen, als ein Mensch zum Atmen. Und Zwei­tens, und hier liegt das größ­te Pro­blem, von dem die Wenigs­ten wis­sen, ist CO2 tat­säch­lich für den mensch­li­chen Kör­per gif­tig. In hohen Kon­zen­tra­tio­nen (etwa ab 5%) führt das Koh­len­di­oxid im Blut zu einer Atem­ver­min­de­rung (was para­dox ist, weil phy­sio­lo­gisch Atem­fre­quenz und –tie­fe über die CO2-Kon­zen­tra­ti­on im Blut gesteu­ert wird. Man nützt die­ses Phä­no­men übri­gens in der Ers­ten Hil­fe bei Hyper­ven­ti­la­ti­on, bei der man den Betrof­fe­nen in ein “Sackerl” Atmen lässt. Die dadurch mit CO2 ange­rei­cher­te Rücka­tem­luft senkt die Atem­fre­quenz), die bis zum Atem­still­stand reicht. Also erstickt man eigent­lich nicht am Sauer­stoff­man­gel, denn so weit kommt man gar nicht. Vor­her hat der Kör­per die Atmung ein­ge­stellt. Die so genann­te CO2-Nar­ko­se wird, seit “Apol­lo 13” viel­leicht ein Begriff sein.

Die rich­ti­ge Ers­te­hil­fe­leis­tung bei Ver­un­glück­ten in ver­gif­te­ter Atmo­sphä­re kann nur lau­ten: Feu­er­wehr alar­mie­ren und die Fin­ger von Ber­gungs­ver­su­chen las­sen. Viel­leicht hat man auch noch die Mög­lich­keit, den betrof­fe­nen Raum zu lüf­ten (Gär­kel­ler mit aus­ge­fal­le­ner Lüf­tung). Letzt­end­lich kann und wird die Ber­gung aber nur durch die Feu­er­wehr mit Sauerstoff-​Atemgeräten erfol­gen. Ver­trau­en Sie dar­auf, dass Ihr Ber­gungs­ver­such, so er denn funk­tio­niert, mehr Zeit benö­ti­ge, als die Feu­er­wehr­leu­te zum Ein­tref­fen, Anle­gen der Atem­ge­rä­te und Ber­gen der Verunglückten.

Der Satz zum Schluss: Die wirk­lich tra­gi­schen Fäl­le fin­den sich in der Lite­ra­tur jedoch in Silo­an­la­gen, bei denen Ret­tungs­ver­su­che dem Ver­hal­ten von Lem­min­gen gleichen.

Nachtrag

Die­ser Arti­kel wur­de am 25.07.2013 in mei­nem Buch “Ano­ma­li­en im Gesund­heits­we­sen - Ange­le­gen­hei­ten aus der Ers­ten Hil­fe und Medi­zin” publi­ziert.

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