Wissenschaftliche Studien

Von in verkehr

Ich habe in zahlreichen medizinischen Studien mitgewirkt, sowohl als Koautor, wie als Autor, weiß, wie man Studien finanziert und designt, Daten erhebt, Statistiken berechnet, Abstracts schreibt und publiziert und habe für Studien Preise gewonnen, ich habe auf zahlreichen Kongressen die Studienergebnisse präsentiert und weiß über Anerkennung und Ablehnung bescheid. Und schließlich habe ich gelernt, wie viel Studienergebnisse in der Praxis wert sind, inwieweit die Bereitschaft in Österreich ist, diese auch umzusetzen und wie Ergebnisse verdreht und verfälscht werden.

Der 2005 amtierende Vizekanzler und Verkehrsminister Hubert Gorbach zog als Entscheidungshilfe für seine im Parlament vorgestellte und als Schwerpunkt der Österreichischen EU-Präsidentschaft in Sachen Verkehrssicherheit vorgesehene Kampagne "Licht am Tag" 41 (in Worten: einundvierzig!) Studien zu Rate, welche aber wenig Entscheidungshilfe brachten, weil sich das "Für" und "Wider" die Waage hielt. Hier ein kurzer Auszug (der ausführliche Text der Ausschusssitzung des Nationalrates vom 22.9.2005, Nr. 695, kann im Pressedienst des Parlaments unter dieser Adresse nachgelesen werden):

DI Dr. Ernst Pfleger (auf ihn kommen wir später noch zu sprechen) unterschied bereits 2005 wesentlich zwischen Abblendlicht und Tagfahrlicht und warnte vor der Gefahr eines Informationsüberangebots bei Abblendlicht. Außerdem erwähnte er deutlich neben Vorteilen auch Nachteile vom "Licht am Tag".
Dr. Othmar Thann (KfV) strich die Vorteile heraus, verneinte eine Schlechterstellung von Motorradfahrern und Fußgängern und zog eine Mehrbelastung der Umwelt schon fast ins Lächerliche.
Dr. Rudolf Hellar (ARBÖ) ist bei den Motorradfahrern vom Gegenteil überzeugt, hält vom Abblendlicht nichts, dafür vom Tagfahrlicht viel.
Dr. Hugo Haupfleisch (ÖAMTC) hat dieselben Ansichten, wie der ARBÖ (hä?).
DI Wolfgang Rauh (Verkehrsclub Österreich) findet keinen nachvollziehbaren Nachweis für einen Sicherheitsvorteil bei Licht am Tag und unterstreicht eine Studie aus Dänemark, wonach Unfälle mit Fußgehern durch Licht am Tag zugenommen hätten.

Soweit ein Querschnitt. Im Allgemeinen liest sich aus diesen wenigen Zeilen heraus, dass wenn sich jemand für ein Licht am Tag einsetzt, dies nur für ein Tagfahrlicht tut, nicht aber für ein Abblendlicht. Trotzdem gibt es Stimmen, die deutlich sowohl gegen das Tagfahrlicht, als auch gegen ein Abblendlicht sind. Wohlgemerkt, alles studiengestützt!

Und jetzt zur Aussage von Ex-Vizekanzler und Ex-Verkehrsminister Hubert Gorbach in der Nationalratssitzung im September 2005 (Zitat aus dem Protokoll):

Verkehrsminister Hubert Gorbach wies in einer zweiten Wortmeldung darauf hin, dass die von seinem Ressort herangezogenen 41 Studien ergeben hätten, dass Licht am Tag auf jeden Fall die Verkehrssicherheit fördere, und zwar auch hinsichtlich der schwächeren Verkehrsteilnehmer.

Erstaunlich, nicht war?

Zwei Jahre später ist alles anders. Innenminister Günther Platter und Verkehrsminister Werner Faymann stellen einen Antrag an das Parlament, die "Licht am Tag"-Regelung zu kippen. Als Anlass nennen sie eine Studie, die, so Kurier, "Licht am Tag" bei hellem Sonnenschein eine unnötig ablenkende Wirkung attestiert.

Wie viele Studien?
Eine (in Ziffern: 1).
Na welcher Wunderfuzzi hat denn die erstellt?
DI Dr. Ernst Pfleger.
Kennen wir den nicht schon?
Aber natürlich! Der hat 2005 dem Abblendlicht attestiert, dass es zu einem Informationsüberangebot, zu einer Reizüberflutung, zu einer schlichten Ablenkung führt. Eine nagelneue Studie (was die wohl gekostet haben mag?). Mit demselben Outcome. Hier finden Sie die Seite zu EPIGUS, dem Institut für ganzheitliche Unfall- und Sicherheitsforschung, das die Studie durchführte und hier geht es zum Viewpointsystem, mit dem die Studie durchgeführt wurde. Suchen Sie aber nicht nach der Studie selber, die ist streng geheim (Studien werden nämlich prinzipiell nur sehr ungern publiziert. Weiß ich aus Erfahrung).

So einfach geht das. Das ist nämlich das tolle an Studien. Niemand kann es einem verbieten, sich denjenigen Studien zu bedienen, die einem gerade in den Kram passen. Das war bei Gorbach so, und ist bei Faymann nicht anders. Also, egal welcher Fraktion Sie angehören, den Befürwortern, die dreimal die Woche die kaputten Glühbirnen wechseln und die Umwelt mit übermäßig ausgestoßenem CO2 ruinieren, den Übereifrigen, die sich die Haare am Popsch zupfen, weil sie um viel Geld voreilig ein Tagfahrlicht installierten, oder den Gegnern, die es schon immer wussten: Sie ärgern sich zu Recht.

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