Krieg unter Ärzten…

Von in anomalien im gesundheitswesen, gesundheit

… hät­te die Kro­nen­zei­tung geschrie­ben. Ganz so schlimm ist es nicht, es wäre sogar fast zum Schmun­zeln, wür­de die fol­gend dis­ku­tier­te Kon­tro­ver­se zwi­schen Kar­dio­lo­gen und All­ge­mein­me­di­zi­nern nicht schon wie­der am Rücken des Pati­en­ten aus­ge­tra­gen wer­den. Außer­dem ist das The­ma wie­der hoch­in­ter­es­sant für den Erst­hel­fer und letzt­end­lich für uns sel­ber und dar­um möch­te ich es hier beleuch­ten.

Es geht um die Pro­ble­ma­tik “rasche Dia­gnos­tik, Alar­mie­rung und Behand­lung bei Ver­dacht auf Herz­in­farkt”, einer Not­si­tua­ti­on, mit der in Öster­reich teil­wei­se kata­stro­phal umge­gan­gen wird, wie ich sel­ber im Ret­tungs­dienst all­zu oft mit­er­le­be. Erschre­ckend oft zeigt sich in der Ana­mne­se, dass der Pati­ent nach Erst­sym­pto­men für einen Angi­na Pec­to­ris Anfall einen Ordi­na­ti­ons­ter­min bei einem Prak­ti­ker erst nach Tagen erhält, die­ser den Pati­en­ten mit dem Hin­weis, ins Kran­ken­haus zu fah­ren und einer schrift­li­chen Ein­wei­sung wie­der nach Hau­se schickt (!) und der Pati­ent wie­der­um Tage spä­ter die Ret­tung ruft. So ver­geht gar nicht sel­ten bis zu einer Woche ab Erst­sym­pto­ma­tik, bis der Pati­ent im Kran­ken­haus ein­trifft (womit sich dann die Erst­dia­gno­se “Herz­in­farkt” des Prak­ti­kers lei­der tat­säch­lich bestä­tigt).

Am 28. August die­sen Jah­res druckt Der Kurier einen Arti­kel mit dem Titel “Wer zu lan­ge war­tet, hat ver­lo­ren”. Dar­in betont Univ.-Prof. Dr. Kurt Huber die Wich­tig­keit, rasches­t­mög­lich nach dem ers­ten Ver­dacht für Angi­na Pec­to­ris oder sogar einem Herz­in­farkt das Spi­tal auf­zu­su­chen, um ehest­mög­lich mit der allesent­schei­den­den The­ra­pie anzu­fan­gen. Als Schwer­punkt­the­ra­pie nennt Huber die Behand­lung mit­tels Bal­lon­ka­the­ter, bei der ver­eng­te Blut­ge­fä­ße auf­ge­dehnt wer­den, um so die Blut­ver­sor­gung des Her­zens schnell wie­der zu gewähr­leis­ten. Durch­schnitt­lich vier Stun­den dau­ert es in Öster­reich, bis der Pati­ent die­ser Behand­lung zuge­führt wird, womit wir in gutem welt­wei­ten Schnitt lie­gen*). Prof. Huber nennt auch noch die Wich­tig­keit der zeit­li­chen Opti­mie­rung und erwähnt dabei sogar die Ret­tungs­sys­te­me. In einem Neben­ar­ti­kel wer­den schließ­lich sehr kla­re Wor­te gefun­den: “Bei jedem Brust­schmerz, der län­ger als 15 Minu­ten dau­ert, soll­te man sofort die Ret­tung und nicht den Haus­arzt rufen.”

*) Das wider­spricht mei­nem genann­ten Bei­spiel aus der Pra­xis, auch im Durch­schnitt. Ich erlau­be mir aus per­sön­li­cher Erfah­rung die vier Stun­den für völ­lig unrea­lis­tisch zu hal­ten.

Am 31. August kommt auch schon die Gegen­dar­stel­lung vom Prä­si­den­ten der Öster­rei­chi­schen Gesell­schaft für All­ge­mein­me­di­zin, Erwin Reb­handl. Die Argu­men­te sind mehr als kuri­os: “Wird zuerst der Haus­arzt geru­fen, ver­stän­digt die­ser umge­hend die regio­na­le Ret­tungs­leit­zen­tra­le.” Regio­na­le Ret­tungs­leit­zen­tra­le. Klingt wich­tig. Viel wich­ti­ger als “ver­stän­digt die Ret­tung”. So betrach­tet wür­de man sich dann näm­lich die Fra­ge stel­len müs­sen, war­um man den Prak­ti­ker anru­fen soll­te, damit der dann die Ret­tung ver­stän­digt. Ich möch­te hier aus­drück­lich anmer­ken, dass die­se Vor­ge­hens­wei­se dem Sinn der Ers­ten Hil­fe extrem wider­spricht. Denn wie wir schon im Füh­rer­schein­kurs alle lern­ten, spielt beim Not­ruf die Zeit eine wesent­li­che Rol­le. Stel­len wir uns kurz eines der vie­len mög­li­chen Sym­pto­me eines Angi­na Pec­to­ris Anfalls vor: Todes­angst (Ver­nich­tungs­ängs­te). Kön­nen Sie von sich behaup­ten, in die­sem Aus­nah­me­zu­stand in der Lage zu sein, die Tele­fon­num­mer Ihres Prak­ti­kers inner­halb Sekun­den griff­be­reit zu haben? Und wenn Ihr Prak­ti­ker gera­de nicht erreich­bar ist, wer­den Sie dann eine Ver­tre­tung suchen? Spä­tes­tens jetzt wis­sen Sie, war­um es Not­ruf­num­mern gibt. Die nut­zen aber lei­der nur, wenn man sie auch ver­wen­det.

Auch Pati­en­ten mit Ver­dacht auf Herz­in­farkt haben ein Anrecht auf rasche haus­ärzt­li­che Ver­sor­gung vor Ort,” heißt es wei­ter in der Stel­lung­nah­me von Reb­handl. Sie haben auch ein Recht auf gute und rasche Lebens­mit­tel­nah­ver­sor­gung. Aber wer braucht die schon in dem Zustand? Vor allem der Zusatz “vor Ort” gefällt mir aus­neh­mend gut. Ange­nom­men ich bekom­me so gegen 10 Uhr vor­mit­tags einen Herz­in­farkt und ver­stän­di­ge mei­nen Haus­arzt. Dann wird die­ser laut Reb­handl bei mir vor­bei­schau­en (und was? Mir einen Bal­lon­ka­the­ter ein­schie­ben?)? Mit­nich­ten. Der hat näm­lich gera­de eine vol­le Ordi­na­ti­on. “Vor Ort” kann also nur bedeu­ten, dass ich mich gemein­sam mit mei­nem Herz­in­farkt auf den Weg in sei­ne Ordi­na­ti­on mache (übri­gens tun das vie­le Pati­en­ten lei­der wirk­lich).

Und schließ­lich haut’s dem Fass den Boden raus: “Über­dies sei­en die Haus­ärz­te in den meis­ten Fäl­len deut­lich frü­her bei den Pati­en­ten.” Als wer? Die Ret­tung? Und was macht der Haus­arzt dann beim Pati­en­ten? Eine lebens­ret­ten­de Ein­wei­sung schrei­ben (die man gar nicht erst benö­tigt, wenn man die Ret­tung ruft)?

Neben­bei sei noch erwähnt, dass es bei einem Schlag­an­fall (Hirn­in­farkt) lei­der eine Ana­lo­gie gibt. Auch hier wird auf glei­che ver­ant­wor­tungs­lo­se Art lebens­ret­ten­de Zeit des Pati­en­ten ver­geu­det. Da erschei­nen die bes­ten und teu­ers­ten Schwer­punkt­sta­tio­nen (Stro­ke Units für schnel­le Behand­lung inner­halb 6 Stun­den) völ­lig sinn­los, wenn der Pati­ent erst Tage nach dem Erst­ge­sche­hen im Spi­tal ein­trifft.

Hier bleibt ein ganz übler Nach­ge­schmack. Man könn­te mei­nen, die Öster­rei­chi­sche Gesell­schaft für All­ge­mein­me­di­zin hat Sor­ge, ihr könn­te ein Stück vom Hono­rar­ku­chen weg­ge­nascht wer­den. Sonst müss­te man näm­lich auch dafür ein­tre­ten, dass sich der Pati­ent bei einem zum Bei­spiel Ober­schen­kel­bruch zum Prak­ti­ker bemüht. Hier erscheint die Absur­di­tät etwas offen­kun­di­ger. Oder hat der Pati­ent gar hier kein Anrecht auf einen Prak­ti­ker?

Nachtrag

Die­ser Arti­kel wur­de am 25.07.2013 in mei­nem Buch “Ano­ma­li­en im Gesund­heits­we­sen - Ange­le­gen­hei­ten aus der Ers­ten Hil­fe und Medi­zin” publi­ziert.

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