Unterlassene Hilfe kostet Leben

Von in anomalien im gesundheitswesen, gesundheit

Schon öfters habe ich in die­sem Blog über frag­wür­di­ge Ten­den­zen im Bereich Gesund­heit, Ers­te Hil­fe, Ver­si­che­run­gen, Hub­schrau­ber­ein­sät­zen, etc. geschrie­ben. Die poli­ti­schen Ver­su­che, die Bevöl­ke­rung zu mehr Eigen­ver­ant­wor­tung zu bewe­gen, hät­ten (weil tat­säch­lich durch­ge­setzt wird ja prak­tisch kaum etwas) mög­li­cher­wei­se zur Fol­ge, dass bei der Durch­füh­rung der Ers­ten Hil­fe Leis­tung gezö­gert und über­legt wer­de, ob denn die Hil­fe­leis­tung auch finan­zi­ell gedeckt sei (z.B. Hub­schrau­ber­ein­sät­ze im alpi­nen Bereich), was zu gefähr­li­chen Situa­tio­nen füh­ren könn­te.

Gera­de die letz­te Debat­te über das „Koma­trin­ken“ und die damit ver­bun­de­ne Fra­ge, wer denn für die­se ver­meint­lich mut­wil­lig selbst­zu­ge­füg­ten Gesund­heits­schä­den und die damit ver­bun­de­nen Hil­fe­maß­nah­men und Kos­ten ver­ant­wort­lich sei, treibt wie­der selt­sa­me Blü­ten. So kam der Obmann der Ober­ös­ter­rei­chi­schen Gebiets­kran­ken­kas­sa (OÖGKK) Alois Stö­ger auf die Idee, von min­der­jäh­ri­gen Koma­trin­kern ver­ur­sach­te Behand­lungs­kos­ten von Eltern oder sogar den mit­ver­schul­den­den Wir­ten zu regres­sie­ren. Eine mehr als Ver­dopp­lung der Ein­satz­kos­ten bei Kom­pli­ka­tio­nen mit Alko­hol­miss­brauch (also zum Bei­spiel Bewusst­lo­sig­keit, oder Alko­hol­ver­gif­tung) in den ver­gan­ge­nen vier Jah­ren müss­te, so Stö­ger, ein Umden­ken erfor­dern.

Weder Stö­gers Grund­idee, noch Öster­reichs Alko­hol­pro­blem sind neu. Kran­ken­ver­si­che­run­gen ver­wei­gern bereits seit 1957 Zah­lun­gen, wenn ein Pati­ent wegen Alko­hol­miss­brauch mit der Ret­tung ins Kran­ken­haus kommt und dort ledig­lich „aus­ge­nüch­tert“ wird, also kei­ne „ech­te“ medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung not­wen­dig ist. Das mag lapi­dar klin­gen, der Pati­ent kann sich so aber schnell einer unbe­zahl­ten Rech­nung von 500 bis 1.000 € gegen­über­se­hen. Die Idee, die­se Kos­ten nun zu regres­sie­ren, noch dazu von den „Mit­tä­tern“, näm­lich jenen, die gar kei­nen Alko­hol ver­ab­rei­chen hät­ten dür­fen, ist krea­tiv. Da las­sen sich lus­ti­ge Sze­nen aus­den­ken: In einem net­ten Beisl sau­fen sich Min­der­jäh­ri­ge die Gehirn­win­dun­gen gera­de, der Euro klim­pert, der Alko­hol rinnt. Plötz­lich kippt ein Mädl vom Bar­ho­cker und bleibt reg­los am Boden lie­gen. Ein Freund will schon zum Han­dy grei­fen und die Ret­tung rufen, da schrei­tet der Wirt ein und meint mit fes­ter Stim­me: „Wannst die Ret­tung ruafst, reiß i da ane an. Oda glabst, i will die Kos­ten von dem Schaß ano zoin?“

Ich hal­te es für schwer ver­ständ­lich, war­um der­zeit alles unter­nom­men wird, damit die Sinn­haf­tig­keit von Ers­te­hil­fe­leis­tun­gen hin­ter­fragt wer­den. Stän­dig bekommt der Nach­rich­ten­hö­rer und Zei­tung­le­ser ins Unter­be­wusst­sein geflüs­tert, man sol­le es sich zwei­mal über­le­gen, die Ret­tung zu rufen. Die Sta­tis­ti­ken über die Hilfs­be­reit­schaft der Öster­rei­cher kann man, wie jede ande­re Sta­tis­tik auch, so oder so lesen. Ich bin der Mei­nung, der Öster­rei­cher leis­tet gute Ers­te Hil­fe. Viel­leicht nicht über­mä­ßig oft, aber das Sys­tem funk­tio­niert. Aber wehe, der Erst­hel­fer kommt von sich aus auf die Idee (oder wird dazu ver­lei­tet) ein­mal nach­zu­den­ken, wel­che Kon­se­quen­zen sein Tun haben könn­ten, wenn Ver­si­che­run­gen die Leis­tun­gen ver­wei­gern. Über­le­gen wir nur, wel­che immensen Mehr­kos­ten ent­ste­hen wür­den, wenn sich wegen sol­chen Fehl­schlüs­sen die Erst­hel­fer aus der Ret­tungs­ket­te aus­glie­dern wür­den! Eine funk­tio­nie­ren­de Ers­te Hil­fe ist Vor­aus­set­zung für eine gute Ver­sor­gung und rasche Gene­sung des Pati­en­ten. Wir soll­ten mit die­sem wich­ti­gen Ket­ten­glied nicht so leicht­fer­tig her­um­spie­len.

Dass wir dies aber tun, zeigt Stö­gers Vor­schlag, der, weil er undurch­führ­bar ist, nur zu unnö­ti­ger Unru­he in der Ers­ten Hil­fe führt; undurch­führ­bar wegen der der­zei­ti­gen Geset­zes­la­ge: Die Kran­ken­kas­sen trifft eine Leis­tungs­pflicht (!), wenn vor Ort durch die Ret­tung eine Not­wen­dig­keit für eine Ein­lie­fe­rung fest­ge­stellt wird. Da wir hier von „Koma­trin­kern“ spre­chen, kann man wegen der Bewusst­lo­sig­keit wohl von einer Not­wen­dig­keit aus­ge­hen. Abge­se­hen davon kann man bei Alko­hol­miss­brauch nie aus­schlie­ßen, dass der Pati­ent nicht auch durch Kom­pli­ka­tio­nen gefähr­det wird: Alko­hol senkt dras­tisch den Blut­zu­cker­spie­gel und die Atem­leis­tung und eine Alko­hol­ver­gif­tung kann töd­lich enden. Und dann kann man auch nur schwer von Selbst­ver­schul­den spre­chen. Denn wie ist das ver­si­che­rungs­tech­nisch dann bei Fett­lei­bi­gen, bei Rau­chern, bei Rasern…

Dar­um, las­sen Sie sich nicht durch sol­che schlecht durch­dach­ten Ide­en zu fal­schen Schlüs­sen ver­lei­ten! In Öster­reich wird (und das mit Sicher­heit auch noch auf lan­ge Zeit) eine not­wen­di­ge Hil­fe­leis­tung von den Ver­si­che­run­gen gedeckt (Aus­nah­men sind zusätz­lich ver­si­che­rungs­wür­di­ge Situa­tio­nen, wie bereits erwähnt z.B. der alpi­ne Bereich. Wirts­häu­ser zäh­len nicht dazu). Dabei spielt das Ver­schul­den kei­ne Rol­le. Las­sen Sie sich nicht durch unüber­leg­te Äuße­run­gen unse­rer Poli­ti­ker zu einer unter­las­se­nen Hil­fe­leis­tung ver­lei­ten, nur weil es mög­li­cher­wei­se in jener Situa­ti­on so aus­sä­he, als ob es g’scheiter wäre nicht zu hel­fen, bevor gar jemand eine Rech­nung bezah­len müss­te. Unter­las­se­ne Hil­fe kos­tet Leben! Und im Extrem­fall Ihnen die Frei­heit.

Nachtrag

Die­ser Arti­kel wur­de am 25.07.2013 in mei­nem Buch “Ano­ma­li­en im Gesund­heits­we­sen - Ange­le­gen­hei­ten aus der Ers­ten Hil­fe und Medi­zin” publi­ziert.

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