SVB rät zum Zivilprozess gegen Ersthelfer

Von in anomalien im gesundheitswesen, gesundheit

Aus beruf­li­chen Grün­den muss­te ich mich kürz­lich über die Ver­rech­nung von Ret­tungs­flü­gen in Öster­reich infor­mie­ren. Mir war zwar noch der Streit über die von Sozi­al­ver­si­che­run­gen nicht bezahl­ten Hub­schrau­ber­ein­sät­zen zu Not­fäl­len im alpi­nen, tou­ris­ti­schen und frei­zeit­sport­li­chen Bereich in Erin­ne­rung, ich benö­tig­te aber noch Infor­ma­tio­nen über die Ver­rech­nung nicht indi­zier­ter Ein­sät­ze in allen ande­ren Not­si­tua­tio­nen (z.B. selbst­ver­schul­de­ter Ver­kehrs­un­fall). Bei mei­ner Recher­che stieß ich auf der Web­sei­te der Sozi­al­ver­si­che­rungs­an­stalt der Bau­ern auf einen höchst inter­es­san­ten Arti­kel, einer Pres­se­aus­sen­dung, in der indi­rekt dem Pati­en­ten ein zivil­recht­li­ches Ver­fah­ren gegen den Erst­hel­fer emp­foh­len wird, soll­te dem Pati­en­ten vom Flug­ret­tungs­dienst eine Pri­vat­rech­nung gestellt wer­den, die von der Ver­si­che­rung nicht gedeckt wür­de, weil der Erst­hel­fer ohne Indi­ka­ti­on einen Ret­tungs­hub­schrau­ber bestellt hät­te.

Wor­um geht es genau? Bekann­ter­ma­ßen wei­gern sich öster­rei­chi­sche Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger bereits seit 40 Jah­ren, even­tu­ell durch­ge­führ­te Flug­ret­tungs­ein­sät­ze in Berei­chen wie Alpi­nis­tik, Frei­zeit und Tou­ris­tik zu bezah­len. Begrün­det wird dies meist mit der erhöh­ten Risi­ko­be­reit­schaft, die auch eine zusätz­li­che Ver­si­che­rung recht­fer­ti­gen wür­de. Tat­säch­lich las­sen sich genann­te Akti­vi­tä­ten mit einem Min­dest­maß an finan­zi­el­lem Auf­wand über diver­se Ver­ei­ne und deren Ver­si­che­run­gen abde­cken, nament­lich zum Bei­spiel der Öster­rei­chi­sche Alpen­ver­ein, die Natur­freun­de, der Schutz­brief des ÖAMTC, Kre­dit­kar­ten­un­ter­neh­men, Pri­vat­ver­si­che­run­gen, etc. All­ge­mein wer­den Hub­schrau­ber­ein­sät­ze, und übri­gens auch alle ande­ren Ein­sät­ze von Ret­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, aller­dings auf­grund der gerin­ge­ren Kos­ten natür­lich nicht so strikt, im Nach­hin­ein chef­ärzt­lich auf die medi­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit geprüft, wodurch sich in der besag­ten Indi­ka­ti­on mit­un­ter eine gro­ße Dis­kre­panz auf­tun könn­te, weil selbst Not­ärz­ten, geschwei­ge denn Erst­hel­fern, beim Unfall­ge­sche­hen nicht jene dia­gnos­ti­schen Mit­teln zur Ver­fü­gung ste­hen, wie dies im kli­ni­schen Bereich der Fall ist. Durch die Tat­sa­che, dass nun Kran­ken­ver­si­che­run­gen nicht indi­zier­te Ein­sät­ze nicht bezah­len und es dem Ver­letz­ten am Unfall­ort nicht immer mög­lich ist, Ein­fluss auf die Alar­mie­rung des Erst­hel­fers bei Ret­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen zu neh­men, kann der Pati­ent so unver­schul­det schnell zum finan­zi­el­len Hand­kuss kom­men, der sel­ten unter 2.000 Euro aus­macht. Ver­si­che­run­gen nen­nen dies „Kos­ten­ri­si­ko des Pati­en­ten”. Die gesetz­lich gere­gel­te Ers­te Hil­fe bestä­tigt die Sach­la­ge mit der Aus­sa­ge, dass immer der Ver­letz­te all­fäl­li­ge Kos­ten tra­gen muss und selbst­ver­ständ­lich nie der Erst­hel­fer als Ver­stän­di­ger der Ret­tung. Auch der Fall, der Erst­hel­fer hät­te das fal­sche Ret­tungs­mit­tel geor­dert, also eine fälsch­lich zu hohe Indi­ka­ti­on ver­mu­tet, wird zuguns­ten des Erst­hel­fers ent­schie­den, da es gar nicht Auf­ga­be des Erst­hel­fers ist zu ent­schei­den, wel­ches Ret­tungs­mit­tel zum Ein­satz kommt, son­dern des Leit­stel­len­dis­po­nen­ten, der sich für sei­ne Ent­schei­dun­gen den Beschrei­bun­gen des Erst­hel­fers bedient.

Nun zur Pres­se­aus­sen­dung der SVB. Hier steht wört­lich, dass die Mög­lich­keit besteht, in einem zivil­recht­li­chen Ver­fah­ren gegen jenen Beru­fer vor­zu­ge­hen, der den Hub­schrau­ber­ein­satz ver­an­lasst hat. Wei­ters steht, dass dies jedoch nicht nur als unbe­frie­di­gend zu bezeich­nen ist, son­dern es wird in einem Ver­fah­ren auch schwer durch­setz­bar sein, da der Beru­fer im Not­fall über­zeugt ist, für den Ver­letz­ten oder Kran­ken nur das Bes­te zu tun.

Auch wenn Ver­si­che­run­gen all­ge­mein dazu ver­pflich­tet sind, wirt­schaft­lich zu agie­ren, soll­ten sie sich nicht erdreis­ten, Kla­gen gegen Erst­hel­fer zu emp­feh­len. Das könn­te schnel­ler als erhofft zu schlim­men Zustän­den im Bereich Ers­te Hil­fe füh­ren. Wenn sich erst ein­mal her­um­spricht, dass Erst­hel­fern Kla­gen dro­hen könn­ten, weil sie Situa­tio­nen falsch ein­schätz­ten, sind wir am bes­ten Weg, einen der wich­tigs­ten Eck­pfei­ler unse­rer sozia­len Gesell­schaft zu ver­lie­ren. Und wehe unse­ren Kran­ken­ver­si­che­run­gen, wenn sie ver­mehrt Lang­zeit­schä­den durch nicht geleis­te­te Ers­te Hil­fe decken müss­ten!

Eine sol­che zivil­recht­li­che Kla­ge mag wahr­lich wenig befrie­di­gen (wem ist bei der SV nur die­ser däm­li­che Satz aus­ge­kom­men?), aber nicht, weil der Beru­fer nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen han­delt, son­dern weil er, wie bereits erwähnt, dafür kei­ne Ver­ant­wor­tung trägt. Genau­so, wie es ihm ja fast ver­bo­ten ist, eine Dia­gno­se zu stel­len, hat er auch kei­nen recht­li­chen Anspruch auf z.B. einen Hub­schrau­ber. Sei­ne Auf­ga­be ist es, die 4 „W” am Tele­fon rüber zu brin­gen: Wo, Was, Wie­vie­le, Wer: Wo ist der Unfall­ort, was ist gesche­hen, wie­vie­le sind ver­letzt und wer ruft an. Kein Wort von was wird benö­tigt.

Um dem lan­gen Arti­kel nun auch noch einen Sinn ein­zu­hau­chen, möch­te ich hier mit einer Emp­feh­lung schlie­ßen. Ich bin kein Rechts­ge­lehr­ter und schon gar kein Hell­se­her. Ich kann nicht mit abso­lu­ter Sicher­heit behaup­ten, dass nicht doch jemals ein Erst­hel­fer zur Rechen­schaft gezo­gen wür­de, weil er für den nicht­in­di­zier­ten und damit von Kran­ken­ver­si­che­run­gen unbe­zahl­ten Ein­satz eines Hub­schrau­bers ver­ant­wort­lich gemacht wird. Dar­um in der Ers­ten Hil­fe mein Tipp: „Schus­ter, bleib bei dei­nem Leis­ten!” Beschrei­ben (!) Sie dem Kol­le­gen am ande­ren Ende der Lei­tung mög­lichst genau die Sach­la­ge. Nie­mand ver­langt oder erwar­tet eine Dia­gno­se oder die Ein­schät­zung (!) der Lage. Wenn der Leit­stel­len­dis­po­nent wirk­lich der Mei­nung ist, ein Hub­schrau­ber wäre ange­bracht, bedan­ken Sie sich für sei­ne Mühe! Der Pati­ent kann sich dann grün und blau kla­gen.

Und das mit dem Schus­ter gilt auch für die SVB.

Nachtrag

Die­ser Arti­kel wur­de am 25.07.2013 in mei­nem Buch “Ano­ma­li­en im Gesund­heits­we­sen - Ange­le­gen­hei­ten aus der Ers­ten Hil­fe und Medi­zin” publi­ziert.

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