Stress hinter Glas

Von in wien

Die Fotografie zeigt einen Haifisch in einem Aquarium im Haus des Meeres in Wien

Einer der über­le­ben­den Hai­fi­sche

Spä­tes­tens jetzt haben wir es schrift­lich: Stress tötet. Das Hai­fisch­ster­ben­dra­ma im Haus des Mee­res erin­nert uns wie­der schmerz­lich an die immer wie­der zu stel­len­de Fra­ge, was wir den Tie­ren hier­mit eigent­lich antun. Ist es ein heh­res Ziel, gefähr­de­te Arten am Aus­ster­ben zu hin­dern? Was wür­de Dar­win dazu sagen, dass wir in die natür­li­che Selek­ti­on pfu­schen (auch wenn wir der Aus­lö­ser für die Selek­ti­on sind)? Brau­chen wir Zoos drin­gend für die For­schung? Oder ist es doch bloß simp­le Schau­lust? Ein zwei­stün­di­ger Besuch im Flak­turm hat mich zum Nach­den­ken ange­regt.

Die Fotografie zeigt einen frei fliegenden Vogel im Tropenhaus des Haus des Meeres in Wien

Bun­tes Leben im Tro­pen­haus

Neben dem impo­san­ten Gebäu­de haut einen vor allem der Ein­tritts­preis aus den Socken. Die Kas­sa lässt man um fast die Hälf­te des Prei­ses einer Jah­res­kar­te des Tier­gar­ten Schön­brunn hin­ter sich, wobei mich eigent­lich, ich muss es ehr­lich zuge­ben, die Übel­keit erst über­kam, als ich die Kos­ten für zwei Erwach­se­ne und ein Kind auf der Rech­nung in ATS aus­ge­wie­sen las: 328,86. Ein wer­be­tech­nisch unklu­ges Relikt. Glück­li­cher­wei­se wer­de ich schnell durch die neu­en Löcher, die man in die über 2 Meter dicken Wän­de gefräst hat, abge­lenkt. Fas­zi­nie­rend. Und ver­ständ­lich, war­um die­ses Mons­trum glück­li­cher­wei­se allen Abriss­ver­su­chen trotz­te.

Die Fotografie zeigt die Außenansicht des neuen Haifischbeckens im Haus des Meeres in Wien

Das neue Hai­fisch­be­cken

Das alte Hai­fisch­be­cken gleich links im Mez­za­nin (huch, ich wer­de lang­sam doch ein Wie­ner) ist unge­wohnt leer. Ein paar Drü­cker tüm­peln durch das trü­be Nass. Und der schau­der­haf­te Tau­cher­an­zug vis-​á-​vis ist auch ver­schwun­den. Die Ecke mit den donau-​heimischen Flos­sen­trä­gern führt aber nach wie vor ein dunk­les Dasein. Erst im ers­ten Stock wird es etwas far­ben­fro­her. Und enger.

Die Fotografie zeigt eine Seescheide in einem Aquarium im Haus des Meeres in Wien

See­schei­de hin­ter Glas

Die See­schei­de wird sich wohl noch kei­ne gro­ßen Gedan­ken über ihr ent­täu­schend klei­nes Meer gemacht haben. Und ich unter­stel­le den See­pferd­chen, dass sie wohl kaum für Nach­kom­men gesorgt hät­ten, wür­den sie ob der 1000 Liter Lebens­raum unter

Die Fotografie zeigt einen Papagei im Haus des Meeres in Wien

Schla­fen trotz Besu­cher­rum­mel

Depres­sio­nen lei­den. Aber dass sich eine zwei Meter Ech­se nicht Gedan­ken über die Zukunft macht, wenn das Ter­ra­ri­um in lege­ren fünf Schrit­ten durch­mes­sen wer­den kann, braucht mir kei­ner weis­zu­ma­chen ver­su­chen. Viel­leicht waren die ver­stor­be­nen sechs Haie auch nur mega­f­rus­triert, weil sie erst dach­ten, sie erhiel­ten bei der Umsie­de­lung end­lich die Frei­heit. Und dann das. Da kann man schon ein­mal inner­lich ver­blu­ten.

Die Fotografie zeigt ein Reptil im Haus des Meeres in Wien

Put­zi­ges Kerl­chen

Lässt man von die­sen pseu­do­zoo­phi­len Gedan­ken ab, kann man sich ganz auf den Wer­de­gang des Haus des Mee­res kon­zen­trie­ren. Ich kann mich noch gut an die Anfän­ge erin­nern, als eine Hand­voll Aqua­ri­en und Ter­ra­ri­en es kaum bezahlt mach­te, den Weg in den ober­ir­di­schen Bun­ker zu suchen. Heu­te ist das Viva­ri­um weit mehr als ein Geheim­tipp. Die sau­ber gepfleg­ten Glas­ge­fä­ße, regel­mä­ßi­ge Schau­füt­te­run­gen, stän­di­ge Zubau­ten und Erwei­te­run­gen sor­gen für einen ste­ti­gen Besu­cher­zu­strom, Zucht­er­fol­ge unter­strei­chen die Bemü­hun­gen, eine For­schungs­ein­rich­tung zu sein.

Die Fotografie zeigt ein Krokodil in einem Terrarium im Haus des Meeres in Wien

Das Bild zeigt etwa 1/​3 des gesam­ten Ter­ra­ri­ums

Erstaun­lich auch, was aus dem Schand­fleck Flak­turm gezau­bert wur­de, frei nach dem Mot­to „kön­nen wir es nicht spren­gen, machen wir dar­aus eine Wie­ge des Lebens.“Neben dem Zubau des Tro­pen­hau­ses wird die Süd- und West­sei­te als Klet­ter­gar­ten des Öster­rei­chi­schen Alpen­ver­ein ver­wen­det. Kürz­lich wur­de die Spit­ze des Flak­turms als Aus­sichts­platt­form geöff­net, der Pan­ora­ma­blick wird noch tau­sen­de Besu­cher begeis­tern.

Die Fotografie zeigt einen eineinhalb Zentimeter großen Einsiedlerkrebs in einer Schneckenschale in einem Aquarium im Haus des Meeres in Wien

Gan­ze ein­ein­halb Zen­ti­me­ter groß

Nach zwei Stun­den hin­ter meter­di­cken Mau­ern genie­ße ich es dann doch, den Insas­sen gegen­über im Vor­teil zu sein: die ein­zi­ge Vor­aus­set­zung, das geschicht­li­che Bau­werk zu ver­las­sen ist, den Ent­schluss gefasst zu haben, gehen zu wol­len. Wer weiß. Viel­leicht hat­ten sich die sechs Hai­fi­sche ähn­lich ent­schie­den.

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