Weil wir es können

Von in politik, verkehr

In den letz­ten zwei Jah­ren hat das Kura­to­ri­um für Ver­kehrs­si­cher­heit (KfV) bei einer Unter­su­chung fest­ge­stellt, dass in ganz Öster­reich bei jeder Kreu­zung durch­schnitt­lich alle acht Minu­ten ein Fahr­zeug bei rotem Ampel­si­gnal die Kreu­zung über­quert. Anders gesagt igno­rie­ren jede Sekun­de öster­reich­weit sechs Auto­fah­rer das Rot­licht an ampel­ge­re­gel­ten Kreu­zun­gen. Rein gefühls­mä­ßig hat sich das im lau­fen­den Jahr noch ver­schlim­mert. Was könn­ten die Ursa­chen für die­ses Ver­hal­ten sein?
Ich glau­be, die ein­zi­ge Ursa­che dafür zu ken­nen: Wir sind nicht mehr in der Lage, für unser Ver­hal­ten gera­de­zu­ste­hen. Was hat das mit den oben genann­ten Fak­ten zu tun?

Betrach­ten wir zunächst das kom­pli­zier­te Sys­tem von Ampel­schal­tun­gen. Da wäre zunächst das Pro­blem mit der Dau­er der Grün­pha­se. Je kür­zer die­se gewählt wird, je län­ger die Rot­pha­se dau­ert, umso grö­ßer wird das natür­li­che Ver­lan­gen sein, die Kreu­zung noch in der Grün­pha­se zu pas­sie­ren. Spe­zi­ell in Wien sind Ampel­pha­sen extrem lang geschal­ten. Das liegt in der Tat­sa­che begrün­det, dass die Umschal­tung von Ampel­pha­sen Steh­zeit ver­ur­sacht. In ande­ren Wor­ten: Wäh­rend der Umschal­tung von Gelb auf Rot, und für den Quer­ver­kehr von Rot auf Gelb, steht der gesam­te Ver­kehr (soll­te ste­hen). Je kür­zer die Pha­sen, umso öfter steht der Ver­kehr. Dar­aus lässt sich schlie­ßen, dass län­ge­re Pha­sen gerin­ge­re Steh­zei­ten pro­du­zie­ren (para­do­xer­wei­se). Lei­der wird immer wie­der über­se­hen, dass, und dies gilt beson­ders für Wien, bei unse­ren lan­gen Pha­sen Fahr­zeu­ge bis über die nächs­te Kreu­zung zurück­ste­hen, was tag­täg­lich den Ver­kehr kol­la­bie­ren lässt. Ers­tens. Und zwei­tens kann man bei bei­na­he jeder Kreu­zung unse­rer Stadt beob­ach­ten, dass nie­der­ran­gi­ge Quer­stra­ßen wäh­rend der Grün­pha­sen „leer lau­fen“, wäh­rend Vor­rang­stra­ßen über meh­re­re Kreu­zun­gen zurückstauen.

Wei­ters hat die Ver­gan­gen­heit (mei­ner Mei­nung nach völ­lig irr­tüm­lich) gezeigt, dass zu kur­ze Wech­sel der Pha­sen (Gelb-​Rot und Quer­stra­ße Rot-​Gelb) zu Unfäl­len füh­ren, wenn Fahr­zeu­ge bei Noch­gelb in die Kreu­zung ein­fah­ren. Man hat also, anstatt Len­ker, die bei Dun­kel­gelb in die Kreu­zung ein­fah­ren, so schwer zu bestra­fen, dass sie dun­kel­schwarz wer­den (die Ver­kehrs­sün­der, nicht die Ampeln. Aber das ist ja in unse­rem Land schier undenk­bar), ein­fach das Inter­vall zwi­schen den Pha­sen ver­län­gert. Anstatt den plat­ten Rei­fen zu fli­cken, ver­sucht man ihn auf­zu­pum­pen; schließ­lich ver­liert er ja Luft. Ich kann mich noch bes­tens an eine Zeit erin­nern, als Pha­sen syn­chron geschal­ten waren: Wäh­rend eine Pha­se von Grün auf Gelb wech­sel­te, schal­te­te die ande­re Pha­se zeit­gleich von Rot auf Gelb. Heu­te liegt zwi­schen Gelb-​Rot und Rot-​Gelb min­des­tens (min­des­tens!) eine Sekun­de. Ich ken­ne Kreu­zun­gen in Wien, da ste­hen alle Ampeln bis zu drei Sekun­den lang zeit­gleich auf Rot! Auf­merk­sa­men Auto­fah­rern ent­geht das nicht und kla­rer­wei­se ver­lei­tet die­ser Zustand dazu, die „ver­geu­de­te Zeit“ zwi­schen den Pha­sen zum Noch-​schnell-​in-​die-​Kreuzung-​fahren zu nüt­zen. Ein Zurück gibt es übri­gens nicht mehr. Man kann die Pha­sen­schal­tung nie mehr zurück­stel­len, denn das gäbe mehr als nur eine Hand­voll schwe­rer Unfälle.

Und zu guter Letzt sei natür­lich erwähnt, dass weit und breit nie­mand wäre, der ein Ver­ge­hen bestra­fen, geschwei­ge denn erken­nen könn­te. Mit wel­chen inter­nen Pro­ble­men unse­re Poli­zei auch immer kämpft, auf der Stra­ße ist zuwe­nig von Geset­zes­hü­tern zu sehen. Wobei, und jetzt möch­te ich lang­sam zu mei­ner Aus­sa­ge über „wir sind nicht mehr in der Lage, für unser Ver­hal­ten gera­de­zu­ste­hen“ zurück­kom­men, es eine schlicht schreck­li­che Aus­sa­ge ist, wir benö­tig­ten mehr Poli­zei auf der Stra­ße, weil sich kei­ner mehr an die Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung hal­ten würde.

Wir glau­ben, es sei eh wurscht, wenn wir bei Rot in die Kreu­zung ein­fah­ren. Es sei eh wurscht, wenn Hun­de auf den Geh­steig kacken. Wir haben eh das Recht, in der Rei­he vor­zu­drän­geln und wen soll es schon scha­den, wenn wir in Öffis schwarz­fah­ren? (der Zug fährt doch so oder so, ob ich drin sitz, oder nicht; ob ich zahl, oder nicht).

Was wir nicht mehr begrei­fen, oder begrei­fen wol­len ist, dass unser Ver­hal­ten uns sel­ber scha­det. Wir leben sosehr in unse­rem Ego­is­mus, dass wir ver­ges­sen, was „Sozi­al“ bedeu­tet. Dass jener Teil unse­res Sys­tems, fern­ab von geschrie­be­nen Geset­zen zusam­men­bricht, wenn wir nicht mehr an unse­ren Nächs­ten den­ken. Das pri­mi­tivs­te Prin­zip der Ers­ten Hil­fe ist hier ein gutes Bei­spiel: Ich darf mir nur erwar­ten, dass mir jemand bei Bedarf hilft, wenn ich es als eine Selbst­ver­ständ­lich­keit anse­he, selbst im Not­fall zu hel­fen. Ich kann mir nur erwar­ten, dass sich ande­re an Regeln hal­ten, wenn ich selbst strikt vor dem Ende der Grün­pha­se halte.

Lei­der haben bereits zu vie­le in unse­rem Sys­tem erkannt, dass man sich nicht unbe­dingt an Regeln hal­ten muss. Dass es auch anders geht (mit dem irren Glau­ben, es gin­ge ohne Kon­se­quen­zen). Und ganz plötz­lich steht kei­ner mehr für sein Ver­hal­ten gera­de. Jeder fährt auf der zwei­ten Spur, obwohl die ers­te Fahr­spur frei wäre; fährt jeder bei Rot ein; hält kei­ner mehr vor Zebra­strei­fen; fährt jeder ziga­ret­ten­rau­chend mit dem Han­dy am Ohr; lässt jeder sei­nen Hund vor die Tür sei­nes Mit­men­schen kacken…

Nicht der Poli­zei­man­gel ist das Pro­blem (obwohl alle nach mehr Kon­trol­le schrei­en). Nicht die frag­li­che Ein­stel­lung, jedes Gesetz und jede Vor­schrift müs­se hin­ter­fra­gen wer­den, ist das Pro­blem (dar­um die obi­ge lan­ge Erklä­rung über die Ampel­pha­sen. Etwas ist nicht ein­sich­tig und wird daher miss­ach­tet. Sinn­haf­tig­kei­ten wer­den ohne Berech­ti­gung und Hin­ter­grund­wis­sen hin­ter­fragt). Das Pro­blem ist, dass wir es tun, weil es mög­lich ist. Weil wir es kön­nen. Nicht, weil wir es nicht dür­fen. Weil wir ein­fach davon fah­ren kön­nen, wenn wir einen Park­scha­den ver­ur­sacht haben. Weil wir es kön­nen, bei Gelb noch zu beschleu­ni­gen, anstatt zu bremsen.

Wir soll­ten uns ehr­lich dar­um sor­gen was geschieht, wenn wir bemer­ken, dass wir es kön­nen, für unser Ver­hal­ten nicht gera­de­zu­ste­hen. Denn dann wird es auch zu spät sein, dass die Poli­zei kann. 

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